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Heft 145: Konfliktbereitschaft und (Selbst-)Organisation im Care-Sektor unter veränderten Bedingungen

2017 | Inhalt | Editorial | Abstracts | Leseprobe

Titelseite Heft 145
  • September 2017
  • 120 Seiten
  • EUR 15,00 / SFr
  • ISBN 3-89691-015-8
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Zu diesem Heft

Mit der Fokussierung von Arbeitskämpfen, Konfliktbereitschaft und (Selbst-)Organisation im Care-Sektor setzt dieses Heft eine inhaltliche Klammer zwischen Heft 128 'Soziale Arbeit als Lohnarbeit' und Heft 134 zu 'Arbeit am Leben - Care Bewegung und Care-Politiken'. In Heft 128 haben wir uns zum einen mit den Veränderungen in den Produktionsbedingungen Sozialer Arbeit beschäftigt (Finanzierung und Trägerlandschaft), zum anderen ging es um die Möglichkeiten und Barrieren von Beschäftigten, ihre lohnarbeitsspezifischen Interessen angesichts feldspezifischer Dilemmata und Konflikte zu organisieren. Die Beiträge in Heft 134 haben versucht, den unterschiedlich konnotierten Care-Begriff zu schärfen und sein politisches Potential auszuloten. Mit Blick auf die Care-Revolution-Konferenz 2014 wurde u.a. vorgeschlagen, an konkreten Konflikten sowie Erfahrungen anzusetzen, um ein (gegebenenfalls) 'gemeinsames Drittes' zu konturieren.

In diesem Heft steht die Frage nach Bedingungen der Konfliktbereitschaft und Organisationsmöglichkeiten der Menschen im Zentrum, die als "Care-Worker" ihre Arbeitskraft verkaufen.

Zum einen werden diesbezüglich die historisch-strukturellen Bedingungen von Sorge als warenförmige Tätigkeit mit ihren Konfliktlinien und deren Bedeutung für die Konfliktbereitschaft und (Selbst-)Organisation thematisiert. Zwar fasse theoriegeschichtlich der "Care-Diskurs", laut Plonz (2016) "unglücklich" (ebd.: 801), verschiedene feministische Diskussionen zusammen, die sich mit ihren Akzentuierungen einer "ökonomischen Fundierung gesellschaftlicher Kritik und ethisch-konstruktiven Argumentation" auf "verschiedenen Flughöhen bewegen und die je andere allenfalls ausschnitthaft zu Gesicht bekommen." Dabei teilen beide Stränge das Anliegen, so Plonz weiter, einen Beitrag zu einer "Utopie gelebter Mitmenschlichkeit unter den krisenhaften Umständen dieser Tage" leisten zu wollen - ein Potential und zugleich eine Crux, denen dieses Heft sich erneut widmet: Wie weit trägt der Begriff "Care" als Klammer für die verschiedenen bezahlten und nicht bezahlten Tätigkeiten? Bildet sich das Gemeinsame erst durch die Widersprüche zwischen Ökonomisierungsprozessen einerseits und der "Stofflichkeit" der Arbeitsprozesse andererseits, die von den Bedürfnissen der Adressat_innen genauso geprägt sind wie von denen der Lohnarbeitenden?

Zum zweiten werden die Themen aus den vergangenen Heften erweitert. Ausgehend von dem, 'was gerade passiert (ist)', also von aktuellen Konflikten, Bewegungen und Impulsen in den verschiedenen Berufsfeldern der Gesundheits-, Sozial, und Erziehungsdienste, gilt es bereits kenntlich gemachte Dilemmata zu befragen und zu ergänzen, wie das von Wulf-Schnabel (2011) als doppelte oder gefangene Subjektivierung beschriebene. Dies ist in die spezifische, mehrwertferne, ko-produktive Care-Arbeit und deren uno-actu-Erbringung eingelassen, und zugleich in die 'neue’ mit der Vermarktlichung dieses Bereiches verbundene "wettbewerbliche Subjektivierung(sanforderung)", die die Care-Worker als 'Unternehmer_innen ihrer selbst’ anruft: Verweisen die jüngeren Arbeitskämpfe in Krankenhäusern, Sozial- und Erziehungsdiensten auf eine Erhöhung der Konfliktbereitschaft? In welchem Zusammenhang steht diese mit den gravierenden Folgen der Ökonomisierungsprozesse? Welche Rolle spielt die Arbeitsmarktsituation für individuelle und kollektive Streit-Macht? Welche Eingriffsmöglichkeiten bietet der mehr als ambivalente politische Diskurs über die gesellschaftliche Bedeutung von "Care" zwischen Humankapitalförderung, adult-worker-model und Schuldenbremse?

Bei der Bearbeitung dieser Fragen gilt es folgende Entwicklungen als Hintergrund im Blick zu behalten: Der sogenannte Fachkräftemangel im Care-Sektor lässt sich ablesen an der Entwicklung der freien Stellen im Verhältnis zu den Arbeitssuchenden. 2016 war die Relation von arbeitslos gemeldeten Erzieher_innen zu den bei der Arbeitsagentur gemeldeten offenen Stellen 91:100 (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2016a: 18) bei den Altenpflegefachkräften waren es sogar 38:100 (vgl. ebd. 2016b, S. 9). Die Arbeitsmarktentwicklung für die Soziale Arbeit zeigt seit 2015 bis heute - nicht zuletzt aufgrund der Migrationsbewegungen - eine ähnliche Entwicklung: In der Gruppe so genannter sozialer Akademiker_innenberufe ist die Zahl der bei der Bundesagentur gemeldeten offenen Stellen pro 100 Erwerbsarbeitslose im Laufe 2015 von 45 auf 114 gestiegen, hat sich also binnen eines Jahres mehr als verdoppelt. Im ersten Quartal 2016 erreichte die Entwicklung mit 225:100 ihren Höchststand und pendelte sich im Verlauf des Jahres 2017 bei ca. 105:100 ein - womit die 'soziale Akademiker_innengruppe' die nachgefragteste ist. Vor dem Hintergrund, dass nur ein Teil der offenen Stellen bei der Bundesagentur gemeldet sind, ist aktuell von einem Verhältnis von 300 offenen Stellen zu 100 Erwerbsarbeitslosen auszugehen (vgl. Koppel 2016, 2017). In der Praxis bedeutet dies u.a., dass Einrichtungen Schwierigkeiten haben offene Stellen zu besetzen1 sowie, dass Fachkräfte meist eine gewisse (Aus-)Wahl haben wo und zu welchen Konditionen sie tätig werden wollen. Diesem Fachkräftemangel im Care-Sektor wird mit vielfältigen Strategien begegnet, die sich zwischen Professionalisierung und De-Professionalisierung bewegen (vgl. u.a. Voss 2017).

Es gibt somit aktuell eine Arbeitsmarksituation, die als gute Verhandlungssituation markiert werden kann, und zwar in Berufsfeldern, die einen markanten Aufwertungsbedarf in Sachen Vergütung und Personalausstattung haben. Das Ergebnis der Tarifverhandlungen zum TVÖD (SuE) 2015 wurde von den Beschäftigten teils ernüchternd quittiert: So stimmten lediglich 57 Prozent der bei ver.di Organisierten dem Ergebnis zu, von den bei der GEW organisierten Mitgliedern waren es hingegen 72 Prozent (vgl. GEW 2015). Dennoch zeigen die Erfahrungen der letzten Jahre, dass die Gewerkschaften im Gesundheits- wie Sozial- und Erziehungsdienst zunehmend erfolgreich für Arbeitskämpfe mobilisieren. Zwar kann meist kein ökonomischer Druck aufgebaut werden, dennoch gelingt es durch den gewerkschaftlich institutionell (und finanziell) abgesicherten Möglichkeitsraum Interessen zu artikulieren. Hierbei wird deutlich erkennbar, dass das Organisationsfeld Soziale Arbeit mit spezifischen Handicaps zu kämpfen hat, da es darin z.B. seltener große Betriebseinheiten wie Krankenhäuser gibt, bzw. keine großen halbwegs homogenen Arbeitsfelder wie die Kindertagesbetreuung sowie kaum Nutzer_innengruppen, die ihre Interessen als potentielle Bündnisparter_innen organisieren. Diese Spezifik zeigt sich zwar bisher nicht in einer geringeren Mobilisierbarkeit der Beschäftigten, allerdings in einem Mangel an (gewerkschafts)öffentlicher Wahrnehmung. Dies legt zumindest das Label der gemeinsamen Arbeitskämpfe im SuE als "Kita-Streik" nah. Die Zuspitzung spiegelt sich auch im Verhandlungsergebnis, bzw. auf den Lohnzetteln der Berufsgruppen wieder. Dies hat neben Solidarisierungs- auch Frustrationspotential (vgl. Amendt 2016). Angestrebt wird von Gewerkschaftsseite ab 2020 eine neue Entgeltordnung zu verhandeln. Wer sich an der Diskussion zu Eingruppierungsmerkmalen etc. beteiligt, wird sich zeigen - notwendig für einen ernstzunehmenden (Ent-)Wurf ist wohl eine breite Allianz.

Ob Diskussionen zu einem allgemeinverbindlichen Branchentarifvertrag hierbei an Relevanz erlangen, erscheint offen. Seit ca. drei Jahren gibt es wieder Initiativen, u.a. von Wohlfahrtsverbänden auf Landesebene und teils Bundesebene, für einen Branchentarifvertrag 'Soziales' oder 'Gesundheit und Soziales' (vgl. Arbeiterwohlfahrt 2014, Schlüter, Bernzen 2013). Gewerkschaftsvertreter_innen unterstützen das Vorhaben grundsätzlich, verweisen aber auf die Blockadehaltungen von kirchlichen Trägern (vgl. Bühler 2017: 219). Sollte die Diskussion doch noch an Fahrt gewinnen, ist aufmerksam zu beobachten, welches Tarifniveau anvisiert wird und ob zugleich die damit verknüpfte notwendige Zahlungsfähigkeit von Kommunen sowie Pflegekassen verhandelt wird. Ein Branchentarifvertrag kann sowohl eine Anpassung 'nach unten' rund um Mindestniedriglöhne sowie 'nach oben' im Sinne eines soliden flächendeckenden Standards bedeuten. Ein konkreter Vorstoß für einen Branchentarifvertrag 'Soziales' in Brandenburg für die Altenpflege ist Ende 2016 erst einmal - wohl nicht zuletzt mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 - gescheitert (vgl. RBB 2016). Um berufsgruppenübergreifende, kreative sowie partizipative Mobilisierungs- sowie Streikstrategien (vgl. Schmalstieg 2013) zu entwickeln, die der Spezifik des Care-Sektors - sowohl aus makro-ökonomischer sowie der durch Beziehung und hohe inhaltliche Identifikation mit der Aufgabe geprägte Mikro-Perspektive Rechnung trägt, braucht es weitere kleinteilige Bemühungen.

Hinter oder neben den Zahlen und konkreten Kämpfen stehen auch die zunehmende gesellschaftliche und soziale Bedeutung, die Arbeitsfeldern wie Pflege, Gesundheitsversorgung oder frühkindliche Bildung in den politischen Debatten immer wieder zugewiesen wird. Die Aufwertung des Care-Sektors wird sowohl im Sinne der Förderung des Humankapitals im Rahmen des investiven Sozialstaates und ihrer Bedeutung für die Ökonomie thematisiert, als auch mit der sozialethischen Betonung dieser gesellschaftlichen Bereiche für den "Zusammenhalt" der Gesellschaft. Dabei stellt sich auch die Frage, ob und wie sich die Spannung zwischen behaupteter Aufwertung des Care-Sektors und dem gleichzeitigen Drang zu seiner Verbilligung auf der einen Seite und subjektive Ansprüche an die Arbeit in einem emanzipatorischen Sinn entwickeln kann. Lässt sich die klassische sozialreformerische Forderung nach mehr finanziellen Ressourcen auch praktisch verbinden mit verbesserten Arbeitsbedingungen? Inwieweit durchkreuzen gesellschaftlich wirksame Programme und Praxen der Mobilisierung von unbezahltem Engagement im "welfare-mix" das Konfliktfeld Care?

Zu den Beiträgen im Einzelnen

Tove Soiland erbringt in ihrem Beitrag den Nachweis, dass sich auch im Rahmen der Modernisierung des Arbeitsmarktzugangs von Frauen, von Vereinbarkeit zwischen beruflicher Arbeit und unbezahlter Care-Arbeit, von "work-life"-Balancen nach wie vor Geschlechterhierarchien durchsetzen. Sie analysiert, weshalb bezahlte Care-Arbeit unter den gegebenen ökonomischen Bedingungen ein Niedriglohnsektor ist. Dabei nimmt sie auch den Wechsel von fordistischen Geschlechterarrangements mit ihrer Privatisierung der so genannten "wertschöpfungsschwachen Arbeiten" im Haushalt hin zu ihrer Vermarktlichung in eine Wachstumsbranche Care-Sektor in den Blick, an dem es starke privatwirtschaftliche Interessen gibt. Die Divergenz der Produktivitäten zwischen klassischer Güterproduktion und Care-Sektor führt, so ihre These, zu einer Externalisierung von Reproduktionskosten und zu neuen gesellschaftlichen und sozialen Widersprüchen. Was als "Ökonomisierung" von Care nicht zuletzt durch staatliche Steuerung beschrieben werden kann, ist für Tove Soiland ein "heimliches Strukturanpassungsprogramm" für die soziale und individuelle Reproduktion. Die Restrukturierung des Care-Sektors sieht sie als widersprüchliches und problematisches Angebot, die klassischen Abwertungen so genannter weiblicher Tätigkeiten zu überwinden: Modernisierung und Enteignung.

Henriette Neubert analysiert in ihrem Text die Spannungsfelder der Organisierung in der Sozialen Arbeit, die sich vor dem Hintergrund ihrer Ökonomisierung zeigen. Die Spannungsfelder können den sich organisierenden Professionellen nur dann größere Handlungsspielräume verschaffen, wenn materielle Interessen in einen Zusammenhang mit der fachlichen Arbeit gesetzt werden, so die zentrale These. Der Text basiert auf eigenen Forschungsarbeiten und geht auf drei Spannungsfelder tiefer ein: Erstens das Spannungsfeld zwischen der Auseinandersetzung um die Identität als Sozialarbeiter_innen und der Klärung der zu vertretenden Interessen. Zweitens geht es um die Frage nach den Räumen, in denen sich die Organisierung vollzieht, Gewerkschaften, außergewerkschaftliche Zusammenhänge, gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Das dritte Spannungsfeld ist die Öffentlichkeit als Konfliktfeld, in dem um die Anerkennung und den Wert Sozialer Arbeit gestritten wird. Perspektivisch fragt Henriette Neubert in ihrem Text danach, inwiefern Community Organizing eine Form bieten kann, in der fachliche und materielle Interessen politisch wirksam formuliert werden können.

Nach den Voraussetzungen der Organisation der Interessensvertretung in eigener Sache fragt auch Ulrike Eichinger, und untersucht das häufig vorgebrachte Argument des niedrigen gewerkschaftlichen Organisationsgrades in der Sozialen Arbeit. Dabei plädiert sie für eine offensive Situationsbeschreibung als Basis der gewerkschaftsinternen wie externen Verständigung unter den Professionellen. Des Weiteren analysiert sie Beiträge aus der Wissenschaft Sozialer Arbeit nach Anschlüssen an die Arbeitnehmer_innenperspektive von Professionellen. Inwieweit wird der Lohnarbeitsstatus der (zukünftigen) Professionelle im wissenschaftlichen Diskurs überhaupt zum Thema und u.a. hierüber in der Lehre potentiell auch zum Gegenstand? Insgesamt konstatiert sie, dass die ihrer Position nach zentrale Frage nach der praktischen Relevanz professionellen Wissens/Könnens in Beziehung zu den Lohnarbeitsbedingungen noch sehr randständig verhandelt wird. Deshalb sind Reflexionsangebote in Lehre und Praxis geboten, die Konfliktlinien und Handlungsmöglichkeiten zwischen fachlichen Motiven und existenziellen Fragen thematisieren.

Nadja Rakowitz und Stefan Schoppengerd fragen in ihrem Artikel "Ist Würde tarifierbar?" nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten in den Arbeitskämpfen im Kita-Bereich und in Krankenhäusern. Sie betrachten die Hintergründe und den Verlauf der Konflikte im Sozial- und Erziehungsdienst ("Kita-Streik") um die Aufwertung der dortigen Tätigkeiten und den prominenten Streik der Kolleg_innen in der Berliner Charité über einen Tarifvertrag zur Personalbemessung. In beiden Bereichen finden sie unterschiedliche ökonomische Bedingungen und unterschiedliche Möglichkeiten der betrieblichen Machtentwicklung. In beiden Bereichen besteht die Notwendigkeit der Mobilisierung von Dritten, seien es Eltern, Patient_innen und ihre Angehörigen und soziale Bewegungsakteure. In beiden Bereichen werden sozial- und berufsethische Fragen aufgeworfen und die Kämpfe berühren Fragen der gesellschaftlichen Organisation und Finanzierung. In beiden Konflikten zeigen sich auch Kämpfe um Formen gewerkschaftlichen Engagements, in denen es nicht zuletzt darum geht, wie in den Arbeitskämpfen Räume geschaffen werden können, in denen sich gerade in der Durchbrechung von Alltagsroutinen utopische Überschüsse entwickeln.

Wolfgang Hien beschreibt und reflektiert in seinem Beitrag die Rolle von Arbeitswissenschaftler_innen im Rahmen von Gefährdungsbeurteilungen in der Krankenhausarbeit. Er resümiert die gesundheitlichen Folgen der Arbeit in Krankenhäusern für die Beschäftigten und stellt die Ergebnisse zweier teilnehmender Beobachtungen in unterschiedlichen Krankenhäusern und Abteilungen dar. Dabei wird sowohl deutlich, wie die Beschäftigten in der Hierarchie der Arbeitsteilung je besonders belastet sind und wie parteiliche Arbeitswissenschaft vom Management delegitimiert wird. Vor diesem Hintergrund erinnert Wolfgang Hien an emanzipatorische Traditionen einer betroffenenorientierten Wissenschaft, die sich die kritische Anfrage an ihr Expertentum gefallen lassen muss. Es wird deutlich, dass auch im Falle der arbeitswissenschaftlichen Begutachtung von Arbeitssituationen sich notwendigerweise grundsätzliche Fragen nach der gesellschaftlichen Organisation des Gesundheitswesens stellen.

In zwei Kurzbeiträgen wird über Bewegungen auf unterschiedlichen Ebenen in der Sozialen Arbeit reflektiert. Imke, die anonym bleiben möchte, berichtet von ihren Suchbewegungen auf dem aktuellen Arbeitsmarkt für Sozialpädagog_innen zwischen Gelassenheit angesichts der Auswahlmöglichkeiten und der Realität von Niedriglohnangeboten und Dequalifizierung. Roland Anhorn beschreibt die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der theoretischen und organisatorischen Bewegungen, die sich hinter dem Kürzel "AKS" verbergen. Er benennt zeitdiagnostisch das Theorie-Klima und Gesellschaftsklima, in dem Akteur_innen der Sozialen Arbeit sich auf ihre Wege der Kritik machten und warnt vor Überfrachtung mit politischen Ansprüchen.

Ausblick

'Blicke über den nationalen Tellerrand' sind angesichts der in diesem Heft versammelten Beiträge perspektivisch eine wesentliche Option, um die Debatte weiterzuführen. Kelle u. Hipp (2017) stellen in ihrer europaweiten Studie zum Care-Sektor übergreifend fest, dass es trotz sehr unterschiedlicher Wohlfahrtsstaatsregime viele Ähnlichkeiten bzgl. der Beschäftigungsverhältnisse und -konditionen gibt. Wobei andere Länder z.B. durch bereits vorhandene Standards für Personalbemessung im Pflegedienst von Krankenhäusern Bezugspunkte bergen (vgl. Simon, Mehmecke 2017). Artus (2017) macht darüber hinaus darauf aufmerksam, dass die Konjunktur von nationalen Arbeitskämpfen auch sensibel vor dem Hintergrund des erstarkenden Rechtspopulismus zu betrachten sind, da die "Re-Politisierung der sozialen Frage [...] eben auch offen für rassistische und patriarchal geprägte Situationsdeutungen" ist, die "Besitzstandswahrung und -mehrung in exklusiver Weise" für "die drinnen" gegen "die draußen" begünstigen kann. Ein ernstzunehmender Einwand auch angesichts von internationalen Sorgeketten von 'haushaltsnahen' bzw. '-internen' bezahlten Sorgetätigkeiten (vgl. DGB 2016).

Dieses Heft ist in Kooperation der Redaktion der Widersprüche mit Kolleg_innen des express - Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit entstanden.

Literatur

Amendt, Jürgen 2016: "Ich wünsche mir mehr Geld". In Erziehung und Wissenschaft, H. 03, 6-7 https://www.gew.de/eundw/publikationen/list/?tx_aapublications_publications%5B%40widget_0%5D%5BcurrentPage%5D=2&cHash=f00950ad5c31e90032b282952ba86736[20.06.17]

Bundesagentur für Arbeit 2016a: Blickpunkt Arbeitsmarkt: Fachkräfte in der Kinderbetreuung und -erziehung. https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Branchen-Berufe/generische-Publikationen/Kindererziehung-2016.pdf [20.06.17].

-2016b: Arbeitsmarkt Altenpflege - Aktuelle Entwicklungen. https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Branchen-Berufe/generische-Publikationen/Altenpflege-2015.pdf[20.06.17].Deutscher Gewerkschaftsbund 2017: http://www.faire-mobilitaet.de/++co++aad7ecc8-efae-11e1-8a24-00188b4dc422 [20.06.17].

Fehler, Ronny 2017: "Wir haben nicht die Zeit, um jeder Meldung nachzugehen." In: Berliner Bildungszeitschrift Juni 2017, 16-17. https://www.gew-berlin.de/17832_18683.php [20.06.17].

GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) 2015: Tarifergebnis im Sozial- und Erziehungsdienst mit deutlicher Mehrheit angenommen.https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/tarifergebnis-im-sozial-und-erziehungsdienst-mit-deutlicher-mehrheit-angenommen/ [20.06.17].

Koppel, Oliver 2016: Soziologen sind die neuen Ingenieure. https://www.iwd.de/artikel/soziologen-sind-die-neuen-ingenieure-264833/ [20.06.20170

- 2017: Antwort auf Nachfrage der Reaktion

Plonz, Sabine 2016: Mitmenschliche Praxis und politische Ethik heute - ein utopisches Projekt. Editorial. Im Das Argument, 230. S. 799-801.

Schlüter, Bernd, Bernzen, Christian 2013: Gutachten Wege zu einem Branchentarif Gesundheit und Soziales. http://www.spdfraktion.de/system/files/documents/gutachten_wege_zu_einem_branchentarif_gesundheit_und_soziales_april_2013.pdf[20.06.17].

Schmalstieg, Catharina 2013: Rein-Raus. Flexibel streiken. In LuXemburg, Juni/ 2013. http://www.zeitschrift-luxemburg.de/rein-raus-flexibel-streiken/[20.06.17].

Rundfunkt Berlin Brandenburg 2016 https://www.rbb-online.de/wirtschaft/beitrag/2016/11/verhandlungen-ueber-muster-tarifvertrag-fuer-pfleger-in-brandenburg.htm/listall=on/print=true.html [20.06.17].

Voss, Dorothea 2017: Strategien zur Sicherung der Facharbeit in der Altenpflege und frühkindlichen Bildung. In WSI-Mitteilungen, H. 3/2017. S. 211-217.

Wulf-Schnabel, Jan 2011: Reorganisation und Subjektivierungen von Sozialer Arbeit. Wiesbaden

Die Redaktion

1. Zum 1.März 2017 war zum Beispiel nur jede sechste Stellen der insgesamt 851 Stellen der Berliner Regionalen Sozialen Diensten (RSD) (= total 735,5) (vgl. Fehler 2017).

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