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153: Die Macht von Bezeichnung

2019 | Inhalt | Editorial | Abstracts | Leseprobe

Titelseite Heft 153
  • September 2019
  • 131 Seiten
  • EUR 15,00 / SFr
  • ISBN 3-89691-023-3
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Der Kampf um Begriffe und Bezeichnungen scheint derzeit allgegenwärtig: als reaktionärer Abwehrkampf gegen die so genannte political correctness ("das wird Mann ja noch sagen dürfen"), als identitätspolitischer Diskurs, von dem "alle betroffen" (Die ZEIT 19.09.2017) sind und mit dem sich "Linke selbst zerfleischen". Facebook bietet 60 Optionen, das eigene Geschlecht zu definieren - 60 Möglichkeiten der Selbstkategorisierung und -etikettierung.

Gleichzeitig beobachten wir seit Jahren, dass Etikettierungstheorien und -perspektive, ein Kernkonzept des Interaktionismus und (selbst-)reflexiver Sozialwissenschaften sowie der kritischen Kriminologie an Bedeutung verloren haben, nicht nur in der Sozialen Arbeit. Aber auch und gerade dort wird diese reflexive und institutionenkritische Perspektive in den Hintergrund gedrängt. Dies haben wir zum Anlass genommen, im Frühjahr 2018 einen Workshop dazu durchzuführen, auf dem dieses Heft gründet.

Bei der Recherche in der Deutschen Nationalbibliothek1 erscheinen unter dem Suchwort: "Etikettierungsansatz" ganze acht Treffer, die immerhin allesamt einschlägig sind. Auch alternative Suchworte, "labeling approach", "Etikettierung" oder "Etikettierungstheorien" zeitigen nur bescheidene Trefferzahlen (zwischen einem für die "Etikettierungstheorie" und 73 für "Etikettierung"), die weiter relativiert werden, da zu einem erheblichen Teil auf Werke verwiesen wird, die Fragen der Kennzeichnungspflicht bei Lebensmitteln und Medikamenten bearbeiten (auch eine Form der "Etikettierung") oder aber naturwissenschaftliche Fragen bearbeiten (17 der 48 Treffer für "labeling approach").

Zu Beginn der 1970er Jahre hatte Wolfang Keckeisen seine Kritik des vorherrschenden "sozialpathologischen" Typus sozialpädagogischer Theorien (und Denkweisen der Institutionen) über "abweichendes Verhalten" den "labeling approach" als ein Paradigma rekonstruiert, mit dem ein "Schlüsselproblem" sozialpädagogischer Theoriebildung und institutioneller Praxis bearbeitet werden kann: Das "Problem, wie das empirische Objekt sozialpädagogischer Praxis durch diese Praxis selber (mit) konstituiert wird - in einem Prozess, der zugleich als Herrschaft erscheint" (Keckeisen 1974, 11).

Von Interesse waren Etikettierungstheorien damals als Bezugspunkt für Kritik von Wissenschaft und Praxis nicht nur für "junge" Wissenschaftler_innen, die die Erfahrungen der anti-autoritären Jugendbewegung teilten. Das Etikett "Verwahrlosung" stand im Zentrum einer breiteren Protest- und Emanzipationsbewegung mit dem Fokus auf den widersprüchlichen Folgen der Anwendung von Etiketten auf "Fürsorge-Fälle" oder "Zöglinge" durch eine "stigmatisierende Jugendhilfe". Die Bewegung radikaler Jugendarbeiter*innen, so das Autor_innenkollektiv der "Gefesselten Jugend", haben in kritischer Auseinandersetzung mit reformorientierter Wissenschaft aus einer marxistischen und klassenanalytischen Perspektive "Verwahrlosung" als eine deklassierende Kategorisierung kritisiert (vgl. dazu den Beitrag von Manfred Kappeler). Sowohl die Kritik am Etikett "Verwahrlosung" wie die Analyse von Keckeisen wurden, nach einer reflexiven und kritischen Zwischenphase in sozialwissenschaftlichen Theorien von Devianz und sozialer Kontrolle als durch "Modernisierungen" erledigte, "Klassiker" neutralisiert.

Um die Wende zu den 1980er Jahren hat Heinz Steinert die Aktualität der interaktionistischen Etikettierungsperspektive für die Ausarbeitung einer Theorie von Herrschaft durch Kategorisierung und Verdinglichung ausgearbeitet. Seine Anregungen zielten darauf, Herrschaftsausübung durch die verschiedenen "Techniken" der Bestrafung und Ausschließung sowie Vorgänge der kontrollierten Integration (durch Disziplinierung und Ideologieproduktion in ihrem Verhältnis zu analysieren. Hinzu kam der dringende Vorschlag, nicht nur Zuschreibungen, sondern den "mehr oder weniger kompetenten Umgang mit Etiketten" durch die Leute zu thematisieren (Steinert 1979, 1985). Auch diese Aufforderung wurde nur in wissenschaftlichen Nischen aufgegriffen.

Kontinuität blieb der Verharmlosung erhalten, die Etiketten zu einer "Benachteiligung" bzw. einem "Stigma" gemacht hat, das wie ein ätiologischer "Faktor" (neben anderen) Abweichler_innen produziert. Damit wurde die Einsicht von Erving Goffman in einen toten Winkel gestellt, dass, wer von einem "Stigma" und von "Stigmatisierung" spricht, sich einer Sprache von Relationen und keinesfalls einer Sprache von Eigenschaften, Defiziten und "Makeln" einer Person bedienen müsse.

Seit den 1980er Jahren wurde die den Herrschaftsaspekt und die Widersprüche von Strafrechtsreformen verharmlosende Stigma-Theorie (Mensch übernimmt die Eigenschaften, die ihm vorher nur zugeschrieben wurden) abgelöst durch eine noch instrumentellere Version: Für wen ist welches Maß von gezielt und selektiv staatlich verteilter Stigmatisierung und sonstiger vorgeblich "guter" und "geeigneter" pädagogischer Zwangsmaßnahmen "richtig" und moralisch legitim?

Zu den ersten Kandidaten von Kriminalisierung und moralisch legitimierter Ausschließung (durch Einschließen) gehörten der linke Terrorismus und alle, die man "Gewalttäter" oder "Drogenhändler" nennen konnte. Darüber hinaus ist "Kriminalität" in 40 Jahren zu einem selbstverständlichen Indikator für Gefahren geworden, die "unsere" Sicherheiten bedrohen - durch Fremde und fremd Gemachte.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass erreichte Grade von Reflexion zum Verschwinden gebracht werden. Das kriminalpolitische und wissenschaftliche Interesse, Kategorisierungen nicht als eine Relation zu verstehen, sondern als objektive Bezeichnung zu behaupten, die mit dem Bezeichneten identisch sei, scheint offensichtlich. Das schwindende Interesse an der Etikettierungsperspektive in der Sozialen Arbeit hat seine Grundlage v.a. in professionellen und professionspolitischen Interessen. Kategorisierungen und Etikettierungen haben in der Sozialen Arbeit nicht an Relevanz verloren. Im Gegenteil: Die Zuschreibung von differenzierten Defizit-, Devianz-, Risiko-, Unverbesserlichkeits- und Gefährlichkeitsetiketten sind in Praxis und Wissenschaft, in Theorie und Empirie auf dem Vormarsch. Sogar die - nicht zuletzt von der Etikettierungsperspektive getragene - disziplineigene Diagnosekritik in den 1970ern und 80ern, in der sich die Soziale Arbeit mit "der Ablehnung von Termini wie 'Fall' (aufgrund der inhärenten Klientifizierung) oder 'Diagnose'" (selbst)bewusst "von anderen Professionen und Distanzierung von den technokratischen und expertokratischen psychiatrischen und behavioristischen Konzepten" abgegrenzt hat, scheint vorbei (Galuske & Rosenbauer 2008: 82). Mit der Revitalisierung von 'modernisierten' Diagnostikverfahren (Widersprüche Heft 88) und der zunehmenden Therapeutisierung der Profession (Anhorn/Balzereit 2016) scheinen Kategorisierung und Etikettierung der Adressat_innen bzw. ihrer Konflikte erneut zum Ausweis professionellen Handelns zu werden - wenn auch in elaborierter und 'begriffssensibler' Form. Das 'Urteilen' scheint Konjunktur zu haben (ausführlich zum Urteilen schreibt in diesem Heft Joachim Weber).

Die "Normalisierung" dieser Entwicklung: "Wir diagnostizieren / kategorisieren doch alle!" blendet die verfügbare Einsicht aus, dass kategorisieren / diagnostizieren institutionell bzw. verwaltungsförmig vorgegebene, festgeschriebene Abstraktionen nutzt. Diese werden den Aushandlungen von Bedeutungen in Interaktionen gleichgestellt bzw. übergeordnet. Beim Kategorisieren / Etikettieren / Klassifizieren geht es jedoch nicht um Interpretation oder Aushandlung zwischen Bezeichnenden und Bezeichneten. Vielmehr wird ein Phänomen durch Abstraktion auf eine seiner Eigenschaften reduziert, damit es unter eine Kategorie subsumiert werden kann - wie im Strafrecht.

Problematisiert werden heute, so die Beobachtung, weniger der Prozess der Etikettierung und die damit verbundene Verdinglichung; beschönigende Etiketten sind gefragt: aus "verhaltensauffällig" wird "verhaltensoriginell", aus "asozial" wird "dissozial" oder "systemsprengend", aus "Sonderschulen" werden "Förderschulen", um nur ein paar Beispiele zu nennen. Nicht der Akt und der Zweck von Etikettierung (als symbolische und faktische Verdinglichung) werden problematisiert. Vielmehr werden zensierende und sozial degradierende Kategorisierungen (Etiketten, in der Kritischen Theorie "Tickets") durch Euphemismen ersetzt, wobei der Zweck der Verdinglichung, das den Anderen als "Objekt präpariert" zugleich erhalten und verschleiert wird. Werden exklusive Etiketten durch Differenzierungen ersetzt, vervielfacht sich die Wahl von Identifizierungen und sicher auch die Nutzung zur Selbstkonstitution — was sich nahtlos an die eingangs genannte Facebookdifferenzierung anschließt (ausführlich zu Formen der Selbstkategorisierung schreibt in diesem Heft Michael May).

Wo eine Unterscheidung zwischen Begriff, Kategorisierung und Etikettierung unterlassen wird ("wir alle kategorisieren"), soll das reflexive und kritische Potenzial dieser Unterscheidung zugeschüttet werden. Die Wahl einer weniger stigmatisierenden Kategorisierung kann als Problemlösung verbucht werden, daraus folgende Widersprüche und vor allem die Legitimierung von Ausschließung von Subjekten, die ihre Chancen nicht nutzen ("three strikes and you are out", aber auch die Aktivierungsprogrammatik des Förderns und Forderns) brauchen dann nicht mehr nicht zu interessieren. Im Kampf um Begriffe kommt es gelegentlich mehr auf eigene Selbstkonstitution und Außendarstellung an als auf einen angemessenen Begriff. So gibt es aktuell eine Debatte, dass mit dem Gebrauch einer Kategorisierung, die (wie "Flüchtling") einer Person Rechte sichert, automatisch Feindseligkeit und Ressentiments ausagiert werden. Daher müsse von "Geflüchteten" gesprochen werden. Auch mit dieser Verallgemeinerung des Akts von Etikettierung auf alle Kategorisierungen tritt der kritische Blick auf den Prozess der "Abstraktion zu einem bestimmten Zweck" in den Hintergrund. Was in beiden Fällen bleibt, ist bloß abstraktes Reflexionswissen.

Und, ist es nicht staatlicherseits unverfänglicher und positiver von "Sicherheit" zu reden als über die Kriminalitätsuhr: "Jede Minute ein Ladendiebstahl, alle 11 Stunden ein Mord"? Sicherheits- und Kontrollinstanzen propagieren Etiketten, die in der Sozialen Arbeit (durchaus interessiert) aufgegriffen werden (vgl. Soziale Passagen 2/2017): "Gefährdung", "Gefährlichkeit" und insbesondere das "Risiko" als aktuelle Zentralkategorie von Abweichungsdiagnosen und -bearbeitung. Sie implizieren zugleich die moralische Legitimation, staatlicherseits im Namen der "Gefährdeten" bzw. der potenziellen 'Opfer' einzugreifen — gerne auch gegen sie selbst. Der Gebrauch von Risiko, Gefährlichkeits- und Kriminalitätsetiketten bewahrt davor, sich etwas anderes einfallen zu lassen als herrschende "symbolische Politik" zu bieten vermag.

Die Folgen solcher "dramatisierenden Euphemismen" werden auch am Beispiel von "Kindeswohlgefährdung" deutlich. Gedacht war einmal, in solchen Situationen für den Schutz von Kindern und Eltern zu sorgen. "Kindeswohlgefährdung" ist inzwischen zu einer zentralen (Ober-)Kategorie in der Kinder- und Jugendhilfe geworden, in der sich alle Gefährdungen und Risiken (durch wen von wem auch immer) verdichten lassen (vgl. Widersprüche Heft 149; Klatetzki 2016): Ein "Masteretikett", wie früher "Verwahrlosung" oder (immer noch) "Gewalt". Eine weitere "zu große Kategorie", mit der homogenisiert werden kann, was als Verschiedenes nicht zusammengehört. Weniger medial sichtbar aber ebenso relevant für die Normalisierung und Professionalisierungsrelevanz von Kategorisierungen haben sich managerialistische Steuerung mit ihren auf Standardisierung und quantitative Überprüfbarkeit orientierten Instrumenten (vgl. Ziegler 2017) erwiesen. Nicht zu vergessen der zunehmende Einsatz von Fachsoftware, die Verstehen auf (ggf. binäres) Kodieren reduzieren und so zu einer "Abstraktion ad absurdum" mutieren. Ley und Seelmeyer (vgl. 2014: 52) weisen darauf hin, dass die in der Praxis eingesetzten, spezifischen Formen und Strukturierungen der Dokumentation die Konstruktion eines Falls in eine spezifische Richtung treiben. Der Einsatz von Fachsoftware bewirke "eine verstärkte Tendenz zur Etikettierung von AdressatInnen" und "eine zunehmende Tendenz zur Typisierung [...] der Logik von Software als notwendige Voraussetzung für eine weitere automatisierte Bearbeitung und Auswertung" (ebd.: 55).

Auch die schon länger reibungslose Kooperation mit Basisinstitutionen sozialer Kontrolle und sozialer Ausschließung, denen die Reflexion von Etikettierung noch fremder ist als der Sozialen Arbeit, insbesondere Polizei und Strafjustiz, Schule und Psychiatrie, beinhaltet (auch weil Soziale Arbeit einen geringeren Status hat) die Übernahme von - in der Regel "professionsfremden" - Etiketten und Kategorisierungen, die aber einen (Arbeits-)Markt und einen Markt für Wissensverwertung eröffnen können. Prävention (als systemfunktionale Dienstleistung) kommt nicht ohne ein objektivistisches Verständnis von Gewalt-Kriminalität-Gefährlichkeit-Risiko-Kindeswohlgefährdung aus. Sonst müsste ja "Kriminalisierungsprävention" gesagt werden.

Inflationierungen befeuern Reflexionsverluste. Das (selbst-)kritische Potential schwindet durch Verharmlosung, Instrumentalisierung und schließlich die Normalisierung der Etikettierungsperspektive. Ein Potenzial, das gerade die Soziale Arbeit braucht, die sich als eine kritische Praxis versteht.

Vor diesem Hintergrund fragen wir in diesem Heft: In welcher Weiterentwicklung behält die Etikettierungsperspektive angesichts der veränderten sozialen und institutionellen Bedingungen ihre Relevanz für Soziale Arbeit? Welche Verwandtschaften zu kritischen Perspektiven und Theorien bieten sich an?

Zu den Beiträgen im Einzelnen

Michael Dellwing steht mit seiner historischen Reflektion der "Politik des des Labeling Approach" am Anfang der Beiträge: Die kritischen Verwendung als ein Wissen, das herrschendes, offizielles Wissens herausfordert, wurde, so Dellwings Analyse, im Zuge der zunehmenden Reflektion linker Deutungen in den Diskursen destabilisiert. Als 'zweite', aktuelle Destabilisierung markiert er den Verlust an Deutungsmacht der 'konzernmassenmedialen Berichterstattung' im Rahmen der Durchsetzung der Internetkommunikation. Seiner Schlussfolgerung nach bleibt der Labeling Approach nach wie vor der Kritik an herrschenden Deutungen treu, steht dabei aber vor der Herausforderung, dass "herrschende Deutungen" gegenwärtig immer unbestimmter werden.

Danach greifen Helga Cremer-Schäfer und Tilman Lutz in der Form eines Gesprächs Fragen des Editorials und des eingangs genannten Workshops auf. Sie betonen die Notwendigkeit etikettierungstheoretischen Weiterdenkens. Dem Gespräch folgen zwei weitere Beiträge, die aus der Reflexion des Workshops zum Etikettieren entwickelt wurden.

Joachim Weber beschreibt im ersten davon Urteilen als äußerst komplexen Prozess, der subsumierend oder reflektierend ausgeführt werden kann. Auf Basis seiner Kritik am subsumierenden Urteilen, das - mit fatalen Folgen für die Etikettierten - häufig zur Herrschaftstechnik verkommt, plädiert er für eine reflexive Erweiterung: Für eine Auflösung solcher Etiketten durch die Erweiterung des eigenen Denkens und die - eben reflexive - Betrachtung von Situationen aus verschiedensten Perspektiven.

Michael Mays Text vervollständigt die durch den Workshop initiierten Beiträge. Er sucht einen Analyserahmen für verschiedene Formen eines Selbstkategorisierens zu entwickeln. Dabei setzt er sich kritisch mit den Konzepten von persönlicher und sozialer Identität auseinander, wie sie sowohl von Goffman als auch Theorien der Selbstkategorisierung in ihrem Verhältnis zueinander untersucht werden. Dem setzt er im Anschluss an Mead und Erkenntnisse mikroanalytischer Untersuchungen (frühkindlicher) Interaktionsprozesse eine Differenzierung unterschiedliche Formen der Repräsentation eines Selbst entgegen. Vor diesem Hintergrund formuliert er die Hypothese, dass ein Kategorisieren von sich selbst und anderen vor allem dann zum Tragen kommt, wenn eine Kooperation mit diesen sich als problematisch erweist. Im Anschluss an Lorenzers Unterscheidung verschiedener Interaktionsformen postuliert er weitere Prädispositionen im Hinblick auf ein (Selbst-)Kategorisieren und greift dabei Überlegungen Horkheimer/Adornos zu einem Ticket-Denken und Henri Lefebvres Begriff von gesellschaftlichen Repräsentationen auf.

Manfred Kappeler erinnert in seinem biografisch geprägten Beitrag an eine aktuelle klassenanalytische und im Kontext von Sozialer Arbeit radikale Perspektive auf Klassifikationen. Anhand der sozialen Protestbewegungen im letzten Jahrhundert, die den Verwahrlosungsbegriff kritisiert haben, entfaltet er die Parallelen und vor allem Widersprüche und Kämpfe zwischen materialistischer und 'bürgerlicher', auch etikettierungstheoretisch fundierter Kritik. Damit werden die praktische Relevanz von sozialen Bewegungen und Kämpfen um Begriffe und Klassifikationen unterstrichen und zugleich Anfragen an die Etikettierungsperspektive markiert, die sich auf das Verhältnis "symbolischer" Klassifikation von Menschen und ihrer materiellen Deklassierung von in kapitalistischen Produktionsweisen beziehen.

Helga Cremer-Schäfer greift schließlich die Kumulierung von Formen sozialer Ausschließung auf, die mit und in der neoliberalen Phase der kapitalistischen Produktionsweise wieder besonders sichtbar wurden. Dies nicht zuletzt, weil Ausschließung von Markt (Armut), von Sozialstaat und politischer Partizipation durch institutionelle Diskriminierung und Rassismus politisch nicht mehr kontrolliert werden sollten. Die Ethnographie von Alice Goffman über das Leben on the run zeigt, dass eine Verschmelzung rassistischer und sozioökonomischer Formen von Ausschließung mit Kriminalisierung und Gefängnis eine neue Qualität von Ausschließung im Inneren einer Gesellschaft hervorgebracht hat: sie treibt die Bewohner des amerikanischen "Hypergettos" in ein Leben "auf der Flucht": sie bleiben an einem "flüchtigen" Ort gefangen. Dass "Kriminalität" nur als eine kollektive Handlung analysiert und verstanden werden kann, lässt sich nur zeigen, wenn Forschung auf eine erzählende Weise interpretiert und nicht "codiert". Daher wird diese Studie hier auch "nacherzählt".

Literatur

Arbeitskreis Junger Kriminologen (Hg.) 1986: Kritische Kriminologie heute. Kriminologisches Journal, 1. Beiheft. Weinheim

Galuske, M./Rosenbauer, N. 2008: Diagnose und Sozialtechnologie, in: Bakic, J./Diebäcker, M./Hammer, E. (Hg.): Aktuelle Leitbegriffe der Sozialen Arbeit, Wien, 73-90

Keckeisen, W. 1974: Die gesellschaftliche Definition abweichenden Verhaltens. Perspektiven und Grenzen des labeling approach. München

Klatetzki, T. 2016: Potentiell gefährliche Wirklichkeiten. Über Risikomanagement, Verantwortung und Angst in der Kinder- und Jugendhilfe In: Integras (Hrsg.) Wer wagt gewinnt? Bientraitance zwischen Sicherheitsanspruch und Risikobereitschaft. Zürich, S. 83-102

Ley, T./Seelmeyer, U. 2014: Dokumentation zwischen Legitimation, Steuerung und professioneller Selbstvergewisserung. Zu den Auswirkungen digitaler Fach-Anwendungen. In: SozialExtra, Heft 4, S. 51-55

Soziale Passagen Heft 2 2017: Sicherheit. Wiesbaden

Steinert, H. 1979: Etikettierung im Alltag, in: Annelise Heigl-Evers (Hg) Lewin und die Folgen. Die Psychologie des 20. Jahrhunderts Bd. 8. Zürich: 388-404

-1985: Zur Aktualität der Etikettierungstheorie, in: Kriminologisches Journal 17: 29-43

Ziegler, H. 2017: Bilder von Fachlichkeit: Professionelle Handlungsautonomie und Steuerung in der Kinder- und Jugendhilfe, in: Forum für Kinder und Jugendarbeit 4/2017, S. 4-9

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1. Die Schlagwortsuche wurde am 21.05.2019 durchgeführt

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