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153: Die Macht von Bezeichnung

2019 | Inhalt | Editorial | Abstracts | Leseprobe

Titelseite Heft 153
  • September 2019
  • 131 Seiten
  • EUR 15,00 / SFr
  • ISBN 3-89691-023-3
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Michael Dellwing
Die Politik des Labeling Approach
Die Dezentralisierung des Stigmawettbewerbs in post-konzernmassenmedialen Gesellschaften

Michael Dellwing steht mit seiner historischen Reflektion der "Politik des des Labeling Approach" am Anfang der Beiträge: Die kritischen Verwendung als ein Wissen, das herrschendes, offizielles Wissens herausfordert, wurde, so Dellwings Analyse, im Zuge der zunehmenden Reflektion linker Deutungen in den Diskursen destabilisiert. Als 'zweite', aktuelle Destabilisierung markiert er den Verlust an Deutungsmacht der 'konzernmassenmedialen Berichterstattung' im Rahmen der Durchsetzung der Internetkommunikation. Seiner Schlussfolgerung nach bleibt der Labeling Approach nach wie vor der Kritik an herrschenden Deutungen treu, steht dabei aber vor der Herausforderung, dass "herrschende Deutungen" gegenwärtig immer unbestimmter werden. Leseprobe

Helga Cremer-Schäfer, Tilman Lutz
Über die Relevanz der Etikettierungsperspektive heute
ein Gespräch

Helga Cremer-Schäfer und Tilman Lutz greifen in der Form eines Gesprächs Fragen des Editorials und des eingangs genannten Workshops auf. Sie betonen die Notwendigkeit etikettierungstheoretischen Weiterdenkens. Dem Gespräch folgen zwei weitere Beiträge, die aus der Reflexion des Workshops zum Etikettieren entwickelt wurden.

Joachim Weber
Von der etikettierenden Subsumtionslogik zur reflektierenden Urteilskraft

Joachim Weber beschreibt im ersten davon Urteilen als äußerst komplexen Prozess, der subsumierend oder reflektierend ausgeführt werden kann. Auf Basis seiner Kritik am subsumierenden Urteilen, das - mit fatalen Folgen für die Etikettierten - häufig zur Herrschaftstechnik verkommt, plädiert er für eine reflexive Erweiterung: Für eine Auflösung solcher Etiketten durch die Erweiterung des eigenen Denkens und die - eben reflexive - Betrachtung von Situationen aus verschiedensten Perspektiven.

Michael May
Formen des Selbstkategorisieren
Überlegungen zu einem Analyserahmen

Michael Mays Text vervollständigt die durch den Workshop initiierten Beiträge. Er sucht einen Analyserahmen für verschiedene Formen eines Selbstkategorisierens zu entwickeln. Dabei setzt er sich kritisch mit den Konzepten von persönlicher und sozialer Identität auseinander, wie sie sowohl von Goffman als auch Theorien der Selbstkategorisierung in ihrem Verhältnis zueinander untersucht werden. Dem setzt er im Anschluss an Mead und Erkenntnisse mikroanalytischer Untersuchungen (frühkindlicher) Interaktionsprozesse eine Differenzierung unterschiedliche Formen der Repräsentation eines Selbst entgegen. Vor diesem Hintergrund formuliert er die Hypothese, dass ein Kategorisieren von sich selbst und anderen vor allem dann zum Tragen kommt, wenn eine Kooperation mit diesen sich als problematisch erweist. Im Anschluss an Lorenzers Unterscheidung verschiedener Interaktionsformen postuliert er weitere Prädispositionen im Hinblick auf ein (Selbst-)Kategorisieren und greift dabei Überlegungen Horkheimer/Adornos zu einem Ticket-Denken und Henri Lefebvres Begriff von gesellschaftlichen Repräsentationen auf.

Manfred Kappeler
Klassifikation: "Verwahrlosung"
Zur Aktualität der radikalen Kritik von Deklassierung durch Jugendhilfe im Kontext von Protestbewegung und der Heimkampagnen vor 50 Jahren

Manfred Kappeler erinnert in seinem biografisch geprägten Beitrag an eine aktuelle klassenanalytische und im Kontext von Sozialer Arbeit radikale Perspektive auf Klassifikationen. Anhand der sozialen Protestbewegungen im letzten Jahrhundert, die den Verwahrlosungsbegriff kritisiert haben, entfaltet er die Parallelen und vor allem Widersprüche und Kämpfe zwischen materialistischer und 'bürgerlicher', auch etikettierungstheoretisch fundierter Kritik. Damit werden die praktische Relevanz von sozialen Bewegungen und Kämpfen um Begriffe und Klassifikationen unterstrichen und zugleich Anfragen an die Etikettierungsperspektive markiert, die sich auf das Verhältnis "symbolischer" Klassifikation von Menschen und ihrer materiellen Deklassierung von in kapitalistischen Produktionsweisen beziehen.

Helga Cremer-Schäfer
Armutsfeindlichkeit & Rassismus & Kriminalisierung
Die wissenschaftliche Erzählung von Alice Goffman über das Leben On the Run

Helga Cremer-Schäfer greift schließlich die Kumulierung von Formen sozialer Ausschließung auf, die mit und in der neoliberalen Phase der kapitalistischen Produktionsweise wieder besonders sichtbar wurden. Dies nicht zuletzt, weil Ausschließung von Markt (Armut), von Sozialstaat und politischer Partizipation durch institutionelle Diskriminierung und Rassismus politisch nicht mehr kontrolliert werden sollten. Die Ethnographie von Alice Goffman über das Leben on the run zeigt, dass eine Verschmelzung rassistischer und sozioökonomischer Formen von Ausschließung mit Kriminalisierung und Gefängnis eine neue Qualität von Ausschließung im Inneren einer Gesellschaft hervorgebracht hat: sie treibt die Bewohner des amerikanischen "Hypergettos" in ein Leben "auf der Flucht": sie bleiben an einem "flüchtigen" Ort gefangen. Dass "Kriminalität" nur als eine kollektive Handlung analysiert und verstanden werden kann, lässt sich nur zeigen, wenn Forschung auf eine erzählende Weise interpretiert und nicht "codiert". Daher wird diese Studie hier auch "nacherzählt".

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