Betroffenheit
Schwerpunkt
Kerstin Herzog und Kevin Stützel begeben sich im ersten Beitrag auf eine Spurensuche nach der Thematisierung von „Betroffenheit(en)“ im Diskussionszusammenhang der Zeitschrift Widersprüche. Zentrales Interesse des Beitrags sind die Möglichkeiten alternativer Organisationsformen von Erfahrungen und Bedürfnissen. Hierfür zeichnen sie anhand ausgewählter Beiträge Kontinuitäten und Leerstellen in der Diskussion um Betroffenheiten nach.
Der Beitrag von Mirja Lisa Nicolas, Ronja Büchner, Fabian Fritz, Sonja Hannibal, Vivienne Matthies-Boon und Georg Schomerus beleuchtet Betroffenheit von ME/CFS und Long COVID im Kontext eines psychosomatischen bzw. „biopsychosozialen“ Deutungsvorrangs im Medizinsystem. Dieser trägt dazu bei, Folgen der COVID-19-Pandemie zu psychologisieren, sodass Menschen mit körperlichen Erkrankungen strukturell nicht versorgt werden. Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus der Handlungsbedarf, Betroffenenperspektiven gegen epistemische Ungerechtigkeit solidarisch zu stärken und zu Strukturen medizinischer Gewalt kritisch Position zu beziehen.
Der Beitrag von Mirja Lisa Nicolas, Ronja Büchner, Fabian Fritz, Sonja Hannibal, Vivienne Matthies-Boon und Georg Schomerus beleuchtet Betroffenheit von ME/CFS und Long COVID im Kontext eines psychosomatischen bzw. „biopsychosozialen“ Deutungsvorrangs im Medizinsystem. Dieser trägt dazu bei, Folgen der COVID-19-Pandemie zu psychologisieren, sodass Menschen mit körperlichen Erkrankungen strukturell nicht versorgt werden. Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus der Handlungsbedarf, Betroffenenperspektiven gegen epistemische Ungerechtigkeit solidarisch zu stärken und zu Strukturen medizinischer Gewalt kritisch Position zu beziehen.
Annita Kalpaka und Efthimia Panagiotidis erkunden in ihrem Beitrag, Betroffenheiten im Kontext von Migration und Rassismus. Dabei nehmen sie das digitale Archivprojekt „migrantisch.antirassistische.feminismen“ zum Ausgangspunkt und legen den Fokus auf subjektive Perspektiven von Migrantinnen, die in selbstorganisierten Zusammenhängen in den 1980er und 90er Jahren aktiv waren und sowohl im alltäglichen als auch im beruflichen Kontext politische Veränderungen anstrebten.
Miniaturen
Der Text von Jules Alfandari reflektiert aus einer jüdischen, linken Perspektive die wachsende Unsicherheit jüdischer Menschen in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023. Er thematisiert die komplexe Situation jüdischen Lebens in Deutschland und beschreibt das Spannungsfeld zwischen jüdischer Identität, politischem Druck, sowie rassistischen und antisemitischen Strukturen, die durch rechte wie auch linke Diskurse reproduziert werden.
Forum
Im Forumsbeitrag setzen sich Marion Ott und Christine Resch mit der Klassismus-Debatte auseinander und fragen danach, wie statt einer Engführung auf Diskriminierungspolitiken kritisch-reflexive Gesellschaftsanalysen mit Identitätspolitik vermittelt werden können.
Rezensionen
Auch die Rezension von Michael Lindenberg fügt sich inhaltlich in das Heft ein: Er widmet sich der Textsammlung von Peter Lehmann zur humanistischen Antipsychiatrie. Diese Texte basieren auf den eigenen Erfahrungen Lehmanns mit der Psychiatrie als junger Mensch und seinem daran anknüpfenden Ziel, das Spezialwissen der Psychiatrie zu vergesellschaften und eine Krisenbewältigung ohne Psychiatrie zu ermöglichen.
Eingriffe und Positionen
In der Rubrik Eingriffe und Positionen übt der Text vom Careleaver e.V. in Zusammenarbeit mit dem AWAKE careleavers* Fellowship aus der kollektiven Perspektive der Selbstvertretung von Menschen mit Jugendhilfeerfahrung scharfe Kritik an zwei aktuellen Dokumentarfilmen, die den Alltag stationärer Wohngruppen zeigen. Es wird argumentiert, dass eine freie Einwilligung betroffener Minderjährigen aufgrund von strukturellen Machtasymmetrien und Abhängigkeiten im Jugendhilfesystem kaum möglich ist und dies gravierende Langzeitrisiken birgt.
Careleaver e.V.: Laura Monath, Vicky Ulrich-von der Weth & Michaela Heinrich-Rohr in Zusammenarbeit mit dem AWAKE careleavers* Fellowship: qle Füller
Sebastian Kirschner beleuchtet die zunehmende Kriminalisierung und Überwachung sozialpädagogischer Fachkräfte durch Polizeien und Staatsanwaltschaften. Der Text analysiert die entstehenden Belastungen für Kolleg*innen und plädiert für ein strafprozessuales Zeugnisverweigerungsrecht in der Sozialen Arbeit.
Editorial
Zu diesem Heft
Betroffenheit ist nicht nur ein Begriff mit wechselhafter Konjunktur und widersprüchlichem Gehalt. Die Diskussion um Betroffenheit verweist auch auf erkenntnistheoretische Konfliktlinien. Während positivistisches Denken Betroffenheit als potenzielles Erkenntnishindernis betrachtet, verweisen herrschafts- und erkenntniskritische Reflexionen auf die notwendige Anerkennung von Betroffenheit als erkenntnistheoretischem Standpunkt. Das haben in den vergangenen 50 Jahren insbesondere feministische oder rassismuskritische Positionen hervorgehoben. Den erkenntnistheoretischen Auseinandersetzungen zwischen Positivismus und Herrschaftskritik unterliegt dabei die grundlegende perspektivische Differenz zwischen ratio und emotio bzw. Denken und Fühlen: Einem positivistischen Denken scheint Betroffenheit emotionalisiert, und damit nicht zur rationalen Analyse fähig; einer herrschafts- und erkenntniskritischen Reflexion demgegenüber eine angemessene Analyse erst möglich, wenn auch Betroffenheit als gesellschaftlicher Standpunkt anerkannt wird.
Folgt man den letztgenannten Positionen erweist sich Betroffenheit nicht nur als subjektives Erleben, sondern als Link auf die Erfahrungsdimension als notwendiger Bedingung von Bildung und Politik. Beide sind erst möglich, wenn Auseinandersetzungen nicht auf kognitive Akte reduziert werden. Erst über Erfahrung lassen sich rationales Verständnis und emotionales Erleben verbinden und so Erkenntnis gewinnen. Mit dem Begriff der Betroffenheit wird nun eine besondere Erfahrungsdimension bezeichnet: die Konfrontation von Menschen mit Ausschließungsprozessen, Gewaltkonstellationen oder Dominanzordnungen. Hierbei zeigt sich, dass Betroffenheit immer wieder als nur individuelle Leiderfahrung missverstanden wird. Doch Betroffenheit stellt kein nur personales oder gruppenbezogenes Phänomen dar, sondern eine historisch-gesellschaftliche Konstellation. Ein zentraler Aspekt dabei ist, dass Betroffenheit zwischen dem Betroffensein – etwa durch strukturelle Ungerechtigkeiten – und dem aktiven Aneignen dieser Erfahrung eingespannt ist. Dementsprechend stellt Betroffenheit historisch einen Ausgangspunkt für widerständige und eigensinnige Praktiken dar, als Möglichkeit kollektiver Bildungs- und Politisierungsprozesse.
Wenn aus herrschafts- und erkenntniskritischer Perspektive Betroffenheit nicht als personalisiertes oder gruppenbezogenes Etikett betrachtet wird, sondern als Ausdruck eines gesellschaftlichen Prozesses, wird außerdem deutlich, dass Betroffenheit Anforderungen mit sich bringt – nicht zuletzt der Reflexion und der Sprachfähigkeit. Diese Anforderungen sind allerdings nicht bedingungslos. Sie erfordern Ressourcen, wie Zeit, finanzielle Mittel, spezifisches Wissen und nicht zuletzt kommunikative Fähigkeiten, die betroffenen Personen und Gruppen keineswegs selbstverständlich zur Verfügung stehen. Ganz im Gegenteil: Oft blockieren Situationen der Betroffenheit die erforderlichen Zugänge und begrenzen oder reduzieren verfügbare Ressourcen. Und zugleich müssen betroffene Personen und Gruppen immer wieder defizitorientierte Zuschreibungen zurückweisen, die ihnen unter anderem aus den Reihen des Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereichs entgegengebracht werden. Das hat auch damit zu tun, dass betroffene Personen und Gruppen als deren Gegenüber betrachtet werden, zielt doch ihr Engagement auf die Aufdeckung von Ausschließungsprozessen, Gewaltkonstellationen oder Dominanzordnungen, die hier institutionell repräsentiert und reproduziert werden. Betroffenenengagement fordert eine Änderung gegebener Institutionalisierungslogiken und -formate. Historisch ist das innerhalb der sozialen Bewegungen und sozialen Kämpfe konkret zu beobachten: Die Heimkampagne oder die Antipsychiatrie-Bewegung können seit den 1960er Jahren beispielhaft für eine entsprechende Kritik institutionalisierter Ausschließungs- und Beschädigungsprozesse stehen – in ihrem Fall an den bestehenden Erziehungsanstalten oder anderen „Asylen“ (Goffman), wie die Psychiatrie. Die von Betroffenen und politischen Unterstützer:innen seit damals formulierte Institutionenkritik hat nun aber nicht nur in die Opposition geführt, sondern auch neue Formen der Institutionalisierung mit hervorgebracht: z.B. die Ambulantisierung von Einrichtungen der Jugendhilfe oder die Etablierung von der sozial- und gemeindepsychiatrischen Organisationen im Feld der Psychiatrie.
Versteht man die sozialarbeiterische, gesundheitsbezogene und pädagogische Praxis auch als gesellschaftliches „Gedächtnis der Konflikte“ (Maurer 2009: 159) kann der Blick dafür geöffnet werden, wie und unter welchen Bedingungen Räume geschaffen werden können, in denen Betroffenheiten artikuliert und das damit verbundene Erfahrungswissen anerkannt wird. Ein Ausgangspunkt ist dafür die Einsicht in das spannungsreiche Verhältnis zwischen Betroffenheit und dem institutionalisierten Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereich.
Im vorliegenden Heft wird die Relevanz von Betroffenheit für den Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereich aus unterschiedlichen Perspektiven und in unterschiedlichen Konstellationen und Feldern thematisch. Die Beiträge des Schwerpunkts widmen sich dabei vor allem den Widersprüchen von und durch Betroffenheit. Diese gilt es nicht zu glätten, sondern in ihren unterschiedlichen Facetten sichtbar zu halten, so lässt sich die gemeinsame Überzeugung der Beiträge zusammenfassen. In diesem Sinne fragen die Autor:innen danach, was als ‚relevante‘ Betroffenheit anerkannt und welche Praxis und welche Deutungen unter welchen Bedingungen verneint werden. Gefragt wird aber auch, welche Stimmen wo zu Wort kommen oder nicht; und wie lässt es sich vermeiden, dass Betroffenheit von institutionellen Logiken in Dienst genommen wird. Schließlich gilt das Interesse der Praxis von (Für-)Sorge, die sich durch Betroffenheit und die politischen Interventionen von betroffenen Personen und Gruppen herausbilden.
Zu den Beiträgen im Einzelnen
Kerstin Herzog und Kevin Stützel begeben sich im ersten Beitrag auf eine Spurensuche nach der Thematisierung von „Betroffenheit(en)“ im Diskussionszusammenhang der Zeitschrift Widersprüche. Zentrales Interesse des Beitrags sind die Möglichkeiten alternativer Organisationsformen von Erfahrungen und Bedürfnissen. Hierfür zeichnen sie anhand ausgewählter Beiträge Kontinuitäten und Leerstellen in der Diskussion um Betroffenheiten nach.
Der Beitrag von Mirja Lisa Nicolas, Ronja Büchner, Fabian Fritz, Sonja Hannibal, Vivienne Matthies-Boon und Georg Schomerus beleuchtet Betroffenheit von ME/CFS und Long COVID im Kontext eines psychosomatischen bzw. „biopsychosozialen“ Deutungsvorrangs im Medizinsystem. Dieser trägt dazu bei, Folgen der COVID-19-Pandemie zu psychologisieren, sodass Menschen mit körperlichen Erkrankungen strukturell nicht versorgt werden. Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus der Handlungsbedarf, Betroffenenperspektiven gegen epistemische Ungerechtigkeit solidarisch zu stärken und zu Strukturen medizinischer Gewalt kritisch Position zu beziehen.
Fabian Kessl und Jördis Spengler reflektieren in ihrem Gespräch auf Betroffenheit im Kontext der Aufarbeitung sexualisierter Gewaltkonstellationen. Ihr Austausch ist von der eigenen Auseinandersetzung mit Aufarbeitung motiviert. Deutlich wird dabei unter anderem, dass der Anspruch einer Betroffenenbeteiligung inzwischen etabliert ist. Zugleich bleiben die damit verbundenen Widersprüche zumeist de-thematisiert.
Annita Kalpaka und Efthimia Panagiotidis erkunden in ihrem Beitrag, Betroffenheiten im Kontext von Migration und Rassismus. Dabei nehmen sie das digitale Archivprojekt „migrantisch.antirassistische.feminismen“ zum Ausgangspunkt und legen den Fokus auf subjektive Perspektiven von Migrantinnen, die in selbstorganisierten Zusammenhängen in den 1980er und 90er Jahren aktiv waren und sowohl im alltäglichen als auch im beruflichen Kontext politische Veränderungen anstrebten.
Der Text von Jules Alfandari reflektiert aus einer jüdischen, linken Perspektive die wachsende Unsicherheit jüdischer Menschen in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023. Er thematisiert die komplexe Situation jüdischen Lebens in Deutschland und beschreibt das Spannungsfeld zwischen jüdischer Identität, politischem Druck, sowie rassistischen und antisemitischen Strukturen, die durch rechte wie auch linke Diskurse reproduziert werden.
Im Forumsbeitrag setzen sich Marion Ott und Christine Resch mit der Klassismus-Debatte auseinander und fragen danach, wie statt einer Engführung auf Diskriminierungspolitiken kritisch-reflexive Gesellschaftsanalysen mit Identitätspolitik vermittelt werden können.
Auch die Rezension von Michael Lindenberg fügt sich inhaltlich in das Heft ein: Er widmet sich der Textsammlung von Peter Lehmann zur humanistischen Antipsychiatrie. Diese Texte basieren auf den eigenen Erfahrungen Lehmanns mit der Psychiatrie als junger Mensch und seinem daran anknüpfenden Ziel, das Spezialwissen der Psychiatrie zu vergesellschaften und eine Krisenbewältigung ohne Psychiatrie zu ermöglichen.
In der Rubrik Eingriffe und Positionen übt der Text vom Careleaver e.V. in Zusammenarbeit mit dem AWAKE careleavers* Fellowship aus der kollektiven Perspektive der Selbstvertretung von Menschen mit Jugendhilfeerfahrung scharfe Kritik an zwei aktuellen Dokumentarfilmen, die den Alltag stationärer Wohngruppen zeigen. Es wird argumentiert, dass eine freie Einwilligung betroffener Minderjährigen aufgrund von strukturellen Machtasymmetrien und Abhängigkeiten im Jugendhilfesystem kaum möglich ist und dies gravierende Langzeitrisiken birgt.
Sebastian Kirschner beleuchtet die zunehmende Kriminalisierung und Überwachung sozialpädagogischer Fachkräfte durch Polizeien und Staatsanwaltschaften. Der Text analysiert die entstehenden Belastungen für Kolleg*innen und plädiert für ein strafprozessuales Zeugnisverweigerungsrecht in der Sozialen Arbeit.
Für die Redaktion der Widersprüche
Fabian Fritz, Kerstin Herzog, Annita Kalpaka, Fabian Kessl, Marc D. Ludwig, Jördis Spengler, Kevin Stützel
Literatur
Maurer, S. 2009: Soziale Arbeit als „offenes Archiv“ gesellschaftlicher Konflikte. In: Mührel, E./Birgmeier, B. (Hrsg.): Theorien der Sozialpädagogik – ein Theorie-Dilemma? Wiesbaden: 147–164