Drogenkonsumraumarbeit jenseits von Gesundheit
Schwerpunkt
In ihrem einleitenden Beitrag zum Thema „Drogenkonsumraumarbeit jenseits von Gesundheit und Ordnung“ skizzieren Rebecca Streck und Ursula Unterkofler eine Perspektive, die die Aspekte von Schutz, Sozialität und Partizipation in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt. Sie argumentieren, dass Drogenkonsumierende wie alle Menschen auch, „Bedürfnisse nach sicherer Raumaneignung, sozialer Eingebundenheit und Mitbestimmung haben“. Das wirft die Frage auf, was diese Einsicht auf struktureller Ebene für eine Drogenkonsumraumarbeit bedeutet, die sich bisher vor allem auf gesundheits- und sicherheitspolitische Überlegungen gestützt hat.
Christian Richter stellt in seinem Aufsatz ein Ungleichgewicht zwischen Konsumräumen als Versorgungsräumen und Lebensräumen fest. Hierbei wird die These vertreten, dass durch die Fokussierung auf lebenspraktische Hilfe eine Praxis der Existenzverwaltung entsteht. Die Frage nach dem guten Leben sollte demnach gleichberechtigt einbezogen werden und gemeinsame Resonanz- und Lebensräume durch partizipative Organisation gestaltet werden.
Der Beitrag von Magdalena Eder zu den Voraussetzungen und Bedingungen für eine gelingende Öffnung von frauenspezifischen Angeboten in der niedrigschwelligen Drogenhilfe hin zu Angeboten, die auch von FLINTA*-Personen genutzt werden können, zeigt dass durch diese – zumeist von den sozialarbeitenden Fachkräften vor Ort initiierten – Öffnungsprozesse Konflikte entstehen, die sozialpädagogisch begleitet werden müssen und die nur in Kooperation mit den „stammnutzenden“ Frauen bearbeitet werden können. Zugleich weist der Artikel auf die unterschiedlichen Bedeutungsgehalte von Schutzräumen hin und liefert damit eine erste vorsichtige Konturierung dieses ansonsten unscharfen Begriffs.
In einem Interview mit der Widersprüche-Redaktion spricht Floran Meyer aus Zürich mit uns über das sog. Züricher-Modell, welches in der Fachdebatte, in Politik und Öffentlichkeit in jüngerer Zeit große Aufmerksamkeit bekommen hat. Florian Meyer ist Abteilungsleiter für Schadensminderung illegale Substanzen der Stadt Zürich Das erklärte, durchaus auch ordnungspolitisch zu verstehende Ziel dieses Modells ist es offene Drogenszenen zu bekämpfen, bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen. Diese Szenen bezeichnet Florian Meyer als sowohl für die Nutzer:innen, als auch für die Öffentlichkeit problematische „Gewalträume“. Um die Gruppe der drogenkonsumierenden Menschen in Zürich nicht dem öffentlichen Raum zu überlassen – mit der Repression durch staatliche Vollzugsorgane und der Stigmatisierung dieser Gruppen durch die bürgerliche Öffentlichkeit – verfolgen die Drogenkonsumräume der Stadt Zürich ein ganzheitlicheres Modell dessen Herzstück es ist, den Kleinhandel mit Drogen zu tolerieren („micro-dealing“). Dadurch, dass Erwerb und Konsum von illegalisierten Drogen in einer Einrichtung stattfinden können und durch soziale Angebote vor Ort sind ordnungspolitische Ansprüche, Konsuminteressen der Nutzer:innen und der Wunsch nach soziale Miteinander gleichermaßen gedeckt.
Der biographische Bericht von Ruby Mohr schließt den Themenschwerpunkt ab. Er thematisiert seinen Seiten- und Rollenwechsel vom (ehemaligen) User zum Mitarbeiter einer niedrigschwelligen Drogenhilfe-Einrichtung. Anhand einer biographischen Erzählung beschreibt er eindrücklich lebensweltliche Aspekte, sowohl aus seiner Zeit als Drogenkonsument als auch bezogen auf die Bedeutungen und Limitierungen des Hilfesystems für ihre Adressat:innen.
Forum
Im Forum nimmt Nicolai Rapit die Neuausgabe und Ergänzung des Klassikers aus den 70er Jahren „Soziale Arbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen" zum Anlass, Walter Hollsteins Analysen Sozialer Arbeit auf die heutige Zeit zu beziehen. Er benennt Kontinuitäten und Transformationen der Funktionen Sozialer Arbeit im Postfordismus und identifiziert auf dieser Grundlage Anknüpfungsmöglichkeiten, aber auch Widersprüche in Hollsteins Theorie. Abschließend arbeitet Rapit „progressive Handlungsperspektiven“ für eine kritisch-emanzipatorische Soziale Arbeit heraus.
Der zweite Beitrag im Forum von Regina-Maria Dackweiler und Catrin Dingler geht vom literarischen Genre der Autofiktion aus, in dem Klassenübergänger:innen von ihren Diskriminierungserfahrungen im Bildungssystem erzählen. Die Autorinnen reflektieren, wie im Studium der Sozialen Arbeit durch die Verschränkung von belletristischer Lektüre und sozialwissenschaftlicher Analyse Zugänge zur Reflexion eigener Bildungsbiographien eröffnet und professionelle Kompetenzen zur Bekämpfung von Bildungsbenachteiligung gefördert werden können.
Rezensionen
Die Rezension des Sammelbandes „Is there Justice? No – Just us! Heinz Steinerts realistischer Sinn für Utopie“ von Monika Mokre hebt die Vielfalt des Bandes hervor – von historischen Dokumenten bis zu aktuellen Analysen. Mokre betont, dass die Texte „die notwendigen Widersprüchlichkeiten eines Denkens und Handelns verdeutlichen, das weder große utopische Würfe noch praktische Einmischung scheut“, und spricht eine ausdrückliche Leseempfehlung aus – besonders, aber nicht nur für die Soziale Arbeit.
Eingriffe und Positionen
Passend zum Thema des Schwerpunktes kritisiert der Text des Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Frankfurt den aktuellen sicherheitspolitischen Kurs der Stadt Frankfurt, der insbesondere im Bahnhofsviertel zu einer Verschärfung repressiver Maßnahmen gegenüber drogengebrauchenden und wohnungslosen Menschen führt. Abgeleitet aus der Kritik werden Forderungen an die Soziale Arbeit in Frankfurt gerichtet.
Editorial
Zu diesem Heft
Im Jahr 2024 feierte die Drogenkonsumraumarbeit in der BRD ihr 30-jähriges Jubiläum. Drogenkonsumräume erlauben einen Konsum illegalisierter Substanzen und sind ein zentrales Element akzeptanzorientierter Drogenhilfe. Wir nehmen dieses Jubiläum zum Anlass, um uns genauer mit diesem Arbeitsfeld auseinanderzusetzen. Die Grundidee hierfür ergibt sich für uns aus einer doppelten Kritik: Zum einen existieren kaum akademische Auseinandersetzungen, die sich mit (dem Innenleben von) Drogenkonsumräumen und deren fachlich fundierten Konzeptionierungen beschäftigen; zum anderen liegt der Fokus in den seltenen Betrachtungen dieses Arbeitsfeldes zumeist bei Gesundheitsthemen (z.B. Notfallversorgung, Infektionsschutz, Ernährung und Hygiene) und weniger/kaum bei sozialen Themen: „Irgendwann wird man sich mit der Erkenntnis anfreunden müssen, dass das Akzeptanzparadigma und seine Devise der Verminderung drogenbezogener Schäden zwar einen historischen Fortschritt […], deshalb aber noch lange nicht das Ende jeder Entwicklung im Drogenbereich darstellt oder auch nur darstellen könnte oder sollte“ (Scherrer 2005: 116).
In den letzten Jahren rückte die offene Drogenszene wieder vermehrt in den Fokus des öffentlichen Interesses. Hierbei spielen insbesondere ordnungspolitische Themen eine zentrale Rolle – das erhöhte Aufkommen von rauchbarem Kokain (Crack), Wohnungslosigkeit, Bettelarbeit sowie Verwahrlosungen und das damit einhergehende Unsicherheitsgefühl der bürgerlichen Gesellschaft. Hierbei wurden/werden Drogenkonsumräume vermehrt in den Diskurs aufgenommen und deren Wirksamkeiten und Sinnhaftigkeiten diskutiert – durchaus auch positiv, wie die Etablierung entsprechender Angebote in Bremen und Baden-Württemberg in den letzten Jahren zeigt. Besonders scheint uns auffällig, dass diese neuen Einrichtungen sich kaum von jenen unterscheiden die vor 30 Jahren ihre Arbeit aufnahmen, was Fragen nach der praktischen Weiterentwicklung und theoretischen Fundierung aufkommen lassen. Eine (kritische) Beschäftigung mit der Thematik erscheint uns vor diesem Hintergrund notwendig, da in der wissenschaftlichen Literatur Drogenkonsumraumarbeit stark unterrepräsentiert und meist lediglich ein Randphänomen darstellt, welches als Teil niedrigschwelliger, akzeptierender Hilfen in Nebensätzen oder kurzen Absätzen Erwähnung findet sowie auf (medizinische-hygienische) Angebotsbeschreibungen reduziert wird. Neben einer Ausgabe von Rausch – Wiener Fachzeitschrift für Suchttherapie (2020) erschienen bisher keine Fachzeitschriften oder Herausgeber:innenbücher, die sich auf Konsumraumarbeit fokussieren. Demnach ist das Ziel in dieser Ausgabe der Widersprüche, eine genuin sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem im Laufe der letzten Jahre stark bürokratisierten und professionalisierten Arbeitsfeld vorzunehmen. Damit soll eine Abgrenzung von den im Diskurs dominanten medizinisch-naturwissenschaftlichen Betrachtungsweisen und Legitimationspraxen erfolgen, ohne deren Bedeutungen in Frage zu stellen. Der Fokus soll abrücken von Themen der Überlebenshilfe im Sinne der Notfallversorgung, Infektionsprävention und Existenzsicherung und dem hauptsächlich gesundheitlichen Fokus auf die Praxis. Vielmehr sollen Akzente eingebracht werden, die den sozialwissenschaftlichen und den sozialarbeiterischen Blick stärker in den Mittelpunkt rücken; und zwar unter Berücksichtigung von Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit, wie auch der Kritik an der Sozialen Arbeit.
Insgesamt scheint uns, dass Fachliteratur und Forschung die Drogenkonsumraumarbeit als eigenständige Praxis der Sozialen Arbeit fokussiert und begründet, kaum vorhanden ist. Sowohl Fachtexte als auch Konzeptionen umschreiben Soziale Arbeit häufig lediglich als Beziehungsarbeit (ohne diese zu konkretisieren), Aufklärungsarbeit (Safer-Use) und Vermittlungsarbeit (meist in Abstinenzangebote inkl. Substitution). Insbesondere durch den Fokus auf Vermittlungsarbeit wird Soziale Arbeit auf eine Rolle als Türöffnerin für weitere Angebote des Hilfesystems festgelegt und dadurch reduziert auf eine Funktion als „Zulieferdienst“ (Streck 2016: 59). So werden Drogenkonsumräume als ‚verpasste Gelegenheiten‘ sichtbar, die vor allem gesundheitsbezogen und ordnungspolitisch gerahmt werden, nicht aber von ihrer Verfasstheit als soziale Räume, in denen Aneignung durch die Nutzer:innen stattfindet (vgl. Rebekka Streck und Ursula Unterkofler in diesem Band). Aus deren Perspektive sind diese Räume vor allem lebensweltbezogen in ihrer sozialen Funktion bedeutsam. Zudem ist der Diskurs um entsprechende Leistungen des Hilfesystems für Menschen, die aktiv illegalisierte Drogen gebrauchen noch stark von medizinischen Legitimationsmustern geprägt. Die fortlaufende Stigmatisierung und Kriminalisierung wird thematisiert und kritisiert, führt jedoch zugleich dazu, dass zunächst eine umfangreiche Begründung erforderlich erscheint, um überhaupt Akzeptanz für die bestehenden Hilfeangebote zu schaffen. Dadurch bleiben zentrale Begrifflichkeiten diffus und unspezifisch. Leitlinien wie Akzeptanz oder Niedrigschwelligkeit der Angebote, aber auch die Bezeichnungen Drogenkonsumraum, Schutzraum oder Kontaktladen sind inhaltlich unscharf, sodass das Fundament und die Konkretisierungen fehlen. Dies führt sich fort, weil sowohl in wissenschaftlichen Beschäftigungen als auch innerhalb von Konzeptionen kaum auf die Theoriebildung Sozialer Arbeit zurückgegriffen wird, wodurch eine fachliche Begründung unzureichend ist bzw. ausbleibt. Dies zeigt sich z.B. in Bezug auf den dargebotenen Raum für Adressat:innen/Nutzer:innen (siehe hierzu Streck 2016; Müller 2013). Gleichzeitig hat sich der Leitgedanke der Akzeptanz sowohl in der Praxis als auch der Theorie wenig weiterentwickelt, was einerseits eine Gefahr der Ideologisierung und Romantisierung darstellt und andererseits wenig Entwicklungen und Modernisierungen in der Angebotspalette hervorgebracht hat. Insbesondere die Vernachlässigung sozialarbeiterischer Begründungen und Konzeptionen innerhalb der Drogenkonsumraumarbeit gibt hier Anlass zur Kritik und stellt Fragen nach angemessenen Erweiterungen der Angebote; bzw. nach dem Ausbau vereinzelter vorhandener Ideen, die sich aber nicht im Gesamten etabliert haben, wie z.B. die Gestaltung von Drogenkonsumräumen als Lebensräume, die Einführung verschiedener Freizeitgestaltungsangebote, Angebote für spezifische Gruppen wie Frauen und FLINTA*-Personen (vgl. dazu den Beitrag von Magdalena Eder in diesem Band), Migration und Flucht, Sexarbeit etc.; oder der Förderung von Selbsthilfe-Netzwerken und (politischer) Teilhabe – geschweige denn nach der Förderung eines eigenen und gelingenden Lebens jenseits des „Überlebens“ (vgl. dazu den Beitrag von Christian Richter in diesem Band). Auch zeigt sich, dass solche, oft vereinzelten praktischen Weiterentwicklungen nur selten angemessen theoretisiert werden. Sie verbleiben so in einem Projekt-Status, oft gebunden an eine Einrichtung, an ein Team oder gar eine einzelne Person. Auseinandersetzungen um die Sinnhaftigkeit und ggbfs. die Notwendigkeit einer reflexiven Verallgemeinerung solcher Angebote unterbleiben dann.
Seitens der politischen Steuerung (inkl. der Kostenträger) wird ein befriedetes Umfeld, die Entlastung der Öffentlichkeit sowie die Schadens-/Risikominimierung priorisiert. Damit ist ein weiterer Kritikpunkt, der auch seit den Anfängen von der Sozialen Arbeit selbst thematisiert wird, angesprochen: Das ,Arrangement‘ der akzeptierenden Drogenarbeit mit Ordnungs- und Kontrollpolitik, welches auch über rechtliche und politische Rahmenbedingungen verankert wurde, sodass eine zunehmende Übernahme solcher, anstelle sozialarbeiterischer Aufgabenbereiche erfolgt(e) (vgl. z.B. Schmidt-Semisch 2007 in Widersprüche 103).
Insofern fehlt es an methodischen Ausgestaltungen sowie theoretischen Begründungen aus Perspektive der Sozialen Arbeit, obwohl Drogenkonsumraumarbeit ein an sich von Sozialarbeitenden (62.2%) dominiertes Arbeitsfeld ist (vgl. Laging, 2020: 174). Der über die Ausgestaltung und Verantwortlichkeits-Zuweisungen produzierte Ressourcenmangel innerhalb der Einrichtungen schränkt die Teilnahme am Diskurs und das nötige parteiliche wie politische Handeln, welches das Arbeitsfeld zwingend benötigt, sowie partizipatorische Organisation zusätzlich ein.[1] Wobei sich auch hier die Frage stellt, ob dieses Handeln nicht auch Teil Sozialer Arbeit ist/sein sollte.
Zu den Beiträgen im Einzelnen
In ihrem einleitenden Beitrag zum Thema „Drogenkonsumraumarbeit jenseits von Gesundheit und Ordnung“ skizzieren Rebecca Streck und Ursula Unterkofler eine Perspektive, die die Aspekte von Schutz, Sozialität und Partizipation in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt. Sie argumentieren, dass Drogenkonsumierende wie alle Menschen auch, „Bedürfnisse nach sicherer Raumaneignung, sozialer Eingebundenheit und Mitbestimmung haben“. Das wirft die Frage auf, was diese Einsicht auf struktureller Ebene für eine Drogenkonsumraumarbeit bedeutet, die sich bisher vor allem auf gesundheits- und sicherheitspolitische Überlegungen gestützt hat.
Christian Richter stellt in seinem Aufsatz ein Ungleichgewicht zwischen Konsumräumen als Versorgungsräumen und Lebensräumen fest. Hierbei wird die These vertreten, dass durch die Fokussierung auf lebenspraktische Hilfe eine Praxis der Existenzverwaltung entsteht. Die Frage nach dem guten Leben sollte demnach gleichberechtigt einbezogen werden und gemeinsame Resonanz- und Lebensräume durch partizipative Organisation gestaltet werden.
Der Beitrag von Magdalena Eder zu den Voraussetzungen und Bedingungen für eine gelingende Öffnung von frauenspezifischen Angeboten in der niedrigschwelligen Drogenhilfe hin zu Angeboten, die auch von FLINTA*-Personen genutzt werden können, zeigt dass durch diese – zumeist von den sozialarbeitenden Fachkräften vor Ort initiierten – Öffnungsprozesse Konflikte entstehen, die sozialpädagogisch begleitet werden müssen und die nur in Kooperation mit den „stammnutzenden“ Frauen bearbeitet werden können. Zugleich weist der Artikel auf die unterschiedlichen Bedeutungsgehalte von Schutzräumen hin und liefert damit eine erste vorsichtige Konturierung dieses ansonsten unscharfen Begriffs.
In einem Interview mit der Widersprüche-Redaktion spricht Floran Meyer aus Zürich mit uns über das sog. Züricher-Modell, welches in der Fachdebatte, in Politik und Öffentlichkeit in jüngerer Zeit große Aufmerksamkeit bekommen hat. Florian Meyer ist Abteilungsleiter für Schadensminderung illegale Substanzen der Stadt Zürich Das erklärte, durchaus auch ordnungspolitisch zu verstehende Ziel dieses Modells ist es offene Drogenszenen zu bekämpfen, bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen. Diese Szenen bezeichnet Florian Meyer als sowohl für die Nutzer:innen, als auch für die Öffentlichkeit problematische „Gewalträume“. Um die Gruppe der drogenkonsumierenden Menschen in Zürich nicht dem öffentlichen Raum zu überlassen – mit der Repression durch staatliche Vollzugsorgane und der Stigmatisierung dieser Gruppen durch die bürgerliche Öffentlichkeit – verfolgen die Drogenkonsumräume der Stadt Zürich ein ganzheitlicheres Modell dessen Herzstück es ist, den Kleinhandel mit Drogen zu tolerieren („micro-dealing“). Dadurch, dass Erwerb und Konsum von illegalisierten Drogen in einer Einrichtung stattfinden können und durch soziale Angebote vor Ort sind ordnungspolitische Ansprüche, Konsuminteressen der Nutzer:innen und der Wunsch nach soziale Miteinander gleichermaßen gedeckt.
Der biographische Bericht von Ruby Mohr schließt den Themenschwerpunkt ab. Er thematisiert seinen Seiten- und Rollenwechsel vom (ehemaligen) User zum Mitarbeiter einer niedrigschwelligen Drogenhilfe-Einrichtung. Anhand einer biographischen Erzählung beschreibt er eindrücklich lebensweltliche Aspekte, sowohl aus seiner Zeit als Drogenkonsument als auch bezogen auf die Bedeutungen und Limitierungen des Hilfesystems für ihre Adressat:innen.
Im Forum nimmt Nicolai Rapit die Neuausgabe und Ergänzung des Klassikers aus den 70er Jahren „Soziale Arbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen" zum Anlass, Walter Hollsteins Analysen Sozialer Arbeit auf die heutige Zeit zu beziehen. Er benennt Kontinuitäten und Transformationen der Funktionen Sozialer Arbeit im Postfordismus und identifiziert auf dieser Grundlage Anknüpfungsmöglichkeiten, aber auch Widersprüche in Hollsteins Theorie. Abschließend arbeitet Rapit „progressive Handlungsperspektiven“ für eine kritisch-emanzipatorische Soziale Arbeit heraus.
Der zweite Beitrag im Forum von Regina-Maria Dackweiler und Catrin Dingler geht vom literarischen Genre der Autofiktion aus, in dem Klassenübergänger:innen von ihren Diskriminierungserfahrungen im Bildungssystem erzählen. Die Autorinnen reflektieren, wie im Studium der Sozialen Arbeit durch die Verschränkung von belletristischer Lektüre und sozialwissenschaftlicher Analyse Zugänge zur Reflexion eigener Bildungsbiographien eröffnet und professionelle Kompetenzen zur Bekämpfung von Bildungsbenachteiligung gefördert werden können.
Die Rezension des Sammelbandes „Is there Justice? No – Just us! Heinz Steinerts realistischer Sinn für Utopie“ von Monika Mokre hebt die Vielfalt des Bandes hervor – von historischen Dokumenten bis zu aktuellen Analysen. Mokre betont, dass die Texte „die notwendigen Widersprüchlichkeiten eines Denkens und Handelns verdeutlichen, das weder große utopische Würfe noch praktische Einmischung scheut“, und spricht eine ausdrückliche Leseempfehlung aus – besonders, aber nicht nur für die Soziale Arbeit.
Passend zum Thema des Schwerpunktes kritisiert der Text des Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Frankfurt den aktuellen sicherheitspolitischen Kurs der Stadt Frankfurt, der insbesondere im Bahnhofsviertel zu einer Verschärfung repressiver Maßnahmen gegenüber drogengebrauchenden und wohnungslosen Menschen führt. Abgeleitet aus der Kritik werden Forderungen an die Soziale Arbeit in Frankfurt gerichtet.
Für die Redaktion der Widersprüche:
Christian Richter
E-Mail: christian.richter@fh-muenster.de
Lea Engel
Matthias Weser
E-Mail: matthias.weser@gmail.com
Christof Beckmann
E-Mail: cbeckmann@rauheshaus.de
Literatur
Laging, M. 2020: Soziale Arbeit in der Suchthilfe: Grundlagen – Konzepte – Methoden. Stuttgart
Müller, J. 2013: Drogenabhängigkeit und Soziale Arbeit: Nutzen und Nutzungsprozesse niedrigschwelliger, akzeptanzorientierter Drogenhilfeangebote. Hamburg
Scherrer, S. 2005: Kritische Kriminologie und Drogenarbeit. In: Anhorn, R./Stehr, J. (Hrsg.): Kritische Kriminologie und Soziale Arbeit. Weinheim: 111-117
Schmidt-Semisch, H. 2007: Exkludierte Toleranz oder: Der halbierte Erfolg der „akzeptierenden Drogenarbeit“. Widersprüche, Heft 103: 73-91
Streck, R. 2016: Nutzung als situatives Ereignis. Eine ethnographische Studie zu Nutzungsstrategien und Aneignungen offener Drogenarbeit. Weinheim
[1] U.a. aufgrund der sehr knappen Ressourcen der Mitarbeitenden sind auch die Versuche, Miniaturen aus anderen Ländern zum Thema Drogenkonsumraumarbeit zu akquirieren, gescheitert. Insofern fehlt dieser Aspekt in diesem Heft. Einige Einblicke in die internationalen Entwicklungen bietet die o.e. Ausgabe des Magazins „Rausch“.