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Heft 81: Da war doch was... !? Zugänge zur Erinnerung an Nazizeiten

2001 | Inhalt | Editorial | Abstracts | Leseprobe

Titelseite Heft 81
  • September 2001
  • 120 Seiten
  • EUR 14,00 / SFr 19,80
  • ISBN 3-89370-356-X
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Zu diesem Heft

Seit einigen Jahrzehnten wird sich in Deutschland mit der Nazizeit auseinander gesetzt, aber nicht damit, was es für die Töchter und Söhne bedeutet, Kinder dieser Eltern zu sein. (...) So lange der Wunsch existiert, nicht mehr darüber reden zu wollen, ist nicht wirklich darüber gesprochen worden. Wenn das, wofür es in Deutschland bezeichnenderweise noch nicht einmal ein eigenes Wort gibt, in der Erinnerung wäre, weil es zu einem gehörte, dann würde es nicht das lastende Gefühl geben, sich davon befreien zu müssen. Dann würde es das Bedürfnis geben, sich zu erinnern, öffentlich und in der Familie, um sich darüber aussprechen zu können, um in dieser Weise in der Vernichtung nicht fortzuwirken. Viola Roggenkamp

"...um in dieser Weise in der Vernichtung nicht fortzuwirken" ist eines der Motive zu diesem Heft. Das Bedürfnis zu wecken und zu stärken, sich der eigenen Geschichte zu stellen, sich zu erinnern, nachzuforschen, persönlich, in den Familien (Beitrag Krondorfer), in den Archiven (Beitrag Boll), und sich das anzueignen, was zu uns gehört, individuell und gesellschaftlich. Denn bis heute blieb weitgehend unbearbeitet, dass das NS-Regime auf einer breiten Unterstützung des Volkes basierte und dass die große Mehrheit der heutigen Bevölkerung Deutschlands aus Nachkommen jener Unterstützer-Generation besteht; (vgl. Rommelspacher 2000).

In der Arbeitsgruppe Cafe X, die wichtige Impulse zu diesem Heft gab, haben sich Kinder aus Nazi-Familien mit den Besonderheiten ihrer eigenen Geschichte beschäftigt. Sie haben ein Thema aufgegriffen, das bisher nur von wenigen bearbeitet worden ist (vgl. Vesper 1977; Westernhagen 1987; Bar-On 1993; Bergmann et al. 1995). Dabei geht es um die Bedingungen des Aufwachsens mit Menschen, die Träger des NS-Regimes waren, als Täter, Mittäter, Mitläufer und Bezeuger. Die Kinder, die "zweite Generation" haben Verhaltensweisen, emotionale Präferenzen und Denkmuster ausgebildet, deren Bedingtheit durch die ungebrochene Fortdauer der psychischen Grundmuster und Überzeugungen der Eltern bisher wenig durchschaut ist, vor allem nicht in ihren Folgen für das politische Verständnis dieser Generation und die Handlungen der führenden Eliten (Beitrag Huhnke). Die "dritte Generation", die der Enkel, gibt vor, vom 'Nazi-Scheiß' frei zu sein. Doch zeigen Untersuchungen eine andere Wirklichkeit (vgl. Bar-On et al. 1997). Gemeinsam ist den Nachfahren der NS-Generation ein Mangel an Kontakt zu den Menschen der 'anderen' Seite, den Opfern und ihren Nachfahren (vgl. Gaon/Bar-On 1991). Und sie sind vereint im Vertrauen auf mächtige Institutionen, die diese Sachen regeln, mit Geld für die Opfer und Denkmäler.

Delegiert oder verdrängt, es bleibt eine Ahnung persönlicher Verantwortung, an der Grenze des Erinnerns oszilliert ein "Da war doch was... !?". Und wenn Viola Roggenkamp (1999) formuliert: "Seit einigen Jahrzehnten wird sich in Deutschland mit der Nazizeit auseinander gesetzt", dann transportiert die passivische Konstruktion den konkreten Mangel: Es fehlt das Subjekt. Gäbe es da ein Subjekt, "dann würde es das Bedürfnis geben, sich zu erinnern", heißt es, konsequenterweise im Konjunktiv. Wir wollen dazu ermuntern, uns selbst als Subjekte in unserer Geschichte bewusster zu verorten und Wege zu erkunden, persönlich Verantwortung zu übernehmen. Um politisch handlungsfähiger zu werden und die Debatte der WIDERSPRÜCHE-Redaktion über eine "Politik des Sozialen" weiterzuführen wie bereits mit den Schwerpunktheften Fragmente städtischen Alltags (78) und Wir können auch anders - Soziale Utopie heute (80), um nur die rezentesten zu nennen.

Die Beiträge in diesem Heft beleuchten einige Aspekte des komplexen Gefüges an der Schnittstelle von Person und Gesellschaft. Die persönliche Geschichte ist mehr als eine "Biografie", sie transportiert familiäre Traditionen und Mythen und immer auch das kulturelle Erbe der Gesellschaft: "In jeder Person lebt das Erbe der Menschheit" (Habermas). Die Subjektwerdung der Person geschieht in einem langen Prozess der Bewusstmachung von vorgefertigten und anerzogenen Sichtweisen. Erst ihre kritische Aneignung legt die Basis zu selbstbestimmten Diskursen und Interaktionen. Die konkreten Schwierigkeiten solcher Prozesse sind bekannt. Vor allem unangenehme und schmerzliche Anteile mögen eher verdrängt oder sonstwie zum Verschwinden gebracht werden. Aus der Analyse besonders tief gehender innerer Zerstörungen wie bei Opfern von Gewalt wissen wir, wie langwierig die Prozesse der Aufarbeitung sind und wie viel Energie und Geduld aktiviert werden muss, um die abgespaltenen und schmerzlichen Erlebnisse in die aktuelle Gestaltung des Lebens integrieren zu können.

Die deutsche Nachkriegsgeschichte war und ist gekennzeichnet vom Schweigen über die Zeit des Nationalsozialismus. Wenn geredet wurde, dann über das Erlittene: die Erzählung über die eigenen Leiden, die Bombennächte, Vertreibung, Niederlage, Besatzungszeit. Was nicht zur Sprache kommt, sind die Toten, weder die der eigenen Familie noch jene, an deren Vernichtung man beteiligt war (Beitrag Bodenstab). Der hohe Grad an Übereinstimmung in diesem Erzähltypus ist eine kollektive Leistung deutscher Kultur in der Nachkriegszeit. Es gab einige Phasen, in denen Nazizeit und Holocaust in breiterer Öffentlichkeit präsent waren. Meist durch Anstöße von außerhalb, wie mit den Filmen Holocaust und Schindlers Liste oder durch Publikationen wie Hitlers willige Vollstrecker von Daniel Goldhagen. Immer wieder aber kehrte 'Normalität' ein, und wenn es nach Walser ginge, nunmehr für immer. Aber das Wort Walsers als "geistiger Brandstifter" ist so überraschend nicht, hat er doch schon lange Zeit ähnliche Ansichten wie zur Friedenspreisrede vertreten (vgl. Wagner 1998). Beunruhigend ist eher, dass er mit seiner Behauptung, Millionen von Deutschen aus der Seele gesprochen zu haben, Recht haben könnte.

Andererseits kommt bei Kindern und Enkeln ein Bedürfnis zum Ausdruck, zu erfahren, was war und wie es dazu kommen konnte, nicht zuletzt stimuliert durch aktuellen Rassismus und Neonazismus, Identitätsdebatten im vereinten Deutschland und das Abtreten der Nazi-Generation (vgl. Rommelspacher 2000). Unter dem Begriff "Erinnerungspolitik" werden mit psychoanalytischen, politikwissenschaftlichen und kulturhistorischen Ansätzen Fragen zur "Gegenwart der NS-Vergangenheit" diskutiert (vgl. z.B. Rüsen/Straub 1998; Baer 2000; Kramer 2000; Psyche 2000; Welzer 2001). Das Interesse an der Aufarbeitung der deutschen Geschichte stößt aber an seine Grenzen, wenn es um die Methoden der Umsetzung geht. In der Pädagogik gibt es eine Vielfalt von Ansätzen, die aber nicht selten gekennzeichnet sind von einer Polarität zwischen sachlicher Vermittlung von Daten und emotionaler Überwältigung bei KZ-Besuchen. Eine kritische Aufarbeitung mit wichtigen Analysen und wertvollen Handlungsanleitungen liefert eine Dokumentation des Wuppertaler Forschungskolloquiums Lernen und Pseudo-Lernen in der Aufarbeitung des Holocaust (vgl. Brendler/Rexilius 1991). Jugendliche, ansonsten über Fakten informiert, wissen über die Einbindung der Mitglieder der eigenen Familie in die Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie so gut wie gar nichts. Die damaligen Täter geraten in den Vorstellungen dieser Jugendlichen zu abstrakten Monsterfiguren, die von irgendwo, aber nicht aus den eigenen Familie stammen (vgl. Rosenthal 1997). Wie schon in den Strategien des Verschweigens und des Sich-selber-zum-Opfer-Machens ist wiederum ein hoher Grad an Konformität zu verzeichnen. Welchen Anteil an dieser Lage haben die Eltern, die Lehrer, die Medienmacher, die Politiker, kurz: die Angehörigen der zweiten Generation? Haben hier die Täterkinder eine schützende Hand über die eigenen Eltern gehalten, wie es Claude Lanzmann (1986: 270) bei seinen Interviews immer wieder erlebte? Und hat sich Ignatz Bubis auf diese Empirie bezogen, als er kurz vor seinem Tode pessimistisch konstatierte, er habe wenig bewirkt und es sei vielleicht ein Fehler gewesen, in den Schulen so viel mit den Schülern und so wenig mit den Lehrern geredet zu haben?

Über die Durcharbeitung der persönlich-familiären Geschichte auf Täterseite gibt es wenige Berichte. Bernward Vesper, der sich mit seinem Buch Die Reise aus der Umklammerung seines Vaters, eines bekannten Nazi-Schriftstellers, zu befreien suchte, scheiterte. Erst 1987, das gesellschaftliche Umfeld war kaum förderlicher, konnte Dörte von Westernhagens Buch Die Kinder der Täter erscheinen. Sie hat uns den Weg aufgezeigt, aber auch unmissverständlich klargemacht, dass das Heraustreten aus dem Bann einer schuldbeladenen Familienstruktur nicht leicht zu haben ist (Beitrag Ramee). Von den Schwierigkeiten der Kenntnisnahme des Grauens hatte Peter Brückner (1980: 147) gesprochen, aber auch von der anderen Seite, der Freude am Leben:

"Es gab bei manchem sonst Hellhörigen eine spürbare Abwehr dagegen, gewisse Nachrichten über das Grauen im NS-Staat zur Kenntnis zu nehmen: Man erschrak, aber verstummte, wurde unwillig, vergaß. (...) Warum? (...) Manchmal aus Scham: Es gab Verbrechen, denen gegenüber es fast unerträglich sein konnte, Zuhörer zu sein. (...) Manchmal aus Angst: vor der Sühne. (War ich denn nicht unschuldig? Gibt es denn im geschichtlichen Kontext Unschuld?) Manchmal - aus Grauen. Ich wollte ja leben, mich verlieben, mit Genuss meinen Tee trinken und Gedichte schreiben, und das - oder Ähnliches - wollten auch meine Freunde. Wie soll man das Leben nicht lieben?"

Brückner bezog sich auf seine Erfahrungen als Heranwachsender während der Nazizeit. Wenig hat sich seitdem geändert. Wie kann es uns gelingen, diese polaren Seiten auch persönlich zu integrieren, beides zu akzeptieren als Seiten des eigenen Selbst: das Wissen um Scham, Angst, Schmerz und Grauen, und - von Zeit zu Zeit - mit Genuss einen Tee trinken?

Dörte von Westernhagen (1991: 47) hat uns folgenden Hinweis gegeben:

"Dieser Prozess, Hass in Verstehen zu verwandeln, der die verbrecherischen Seiten nicht aussparte, sondern indem ich versuchte, mich dem Grauen möglichst zu nähern, führte mich zu einer persönlichen Konsequenz, die ich mit meinem Buch - im Hinblick auf die Heilsideen, die die Nazis mit der Ausmerzung der 'Untermenschen' verbanden - so formuliert habe: "Warum ist mein Vater, obwohl er sein 'Bestes' gab, so furchtbar gescheitert? Ich glaube, gerade deswegen. Weil er es besonders gut machen wollte, so besonders gut sein wollte. Er wusste nicht, dass wir das, was wir am anderen für böse halten, brauchen, um uns daran abzuarbeiten, uns darin selbst zu erkennen und schließlich als das Eigene anzunehmen.' Es ausmerzen zu wollen, ist offenbar eine verhängnisvolle Täuschung, die genau ins Gegenteil führt; nicht zu Recht und Rettung, sondern in Finsternis und Barbarei."

In der weiteren Erforschung dieser Zusammenhänge kann es fruchtbar sein, mit dem von Julia Kristeva eingeführten Konzept des "Abjekten" zu arbeiten. Damit sind innerpsychische Eigenschaften der eigenen Person gemeint, die nicht als Anteile des Selbst akzeptiert werden, wie z.B. Versagensängste, Unterlegenheitsgefühle oder nicht bearbeitete traumatische Erfahrungen. Die faschistischen Ideale und Methoden erlaubten es den Anhängern, die im Selbst nicht akzeptierten Anteile nach außen zu projizieren und dort zu 'bearbeiten', nämlich am Anderen. Die Anderen, das waren die in gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Prozeduren schon Erfassten. Die 'Bearbeitung' der Anderen geschah dann in hochgradiger Übereinstimmung von individuellem und kollektivem Vorgehen, gesteuert von ökonomischen und politischen Interessen von Wirtschaft und Militär. Die wechselseitige Teilhabe der 'kleinen Leute' an der Macht ("unsere Siege") und die Unterstützung der Machtinstanzen durch die vielen Mitmacher charakterisiert die Hoch-Zeiten des faschistischen Bündnisses. Nach der Niederlage 1945 lief die praktizierte Gewalttätigkeit ins Leere. Der Volksfeinde beraubt, an denen man sich hatte abarbeiten können, drohten die abgespaltenen Eigenheiten die Verlierer zu überwältigen. In einem implosionsartigen Vorgang verlagerte sich das alte Muster nach innen, in die Familien. Hinter der Fassade intakter Beziehungen verlief im Innern eine Geiselnahme. Als Objekte dienten wiederum die Schwachen, diesmal die eigenen Kinder. In einer quasi-symbiotischen Art wurden die Kinder durch und mit den elterlichen Körpern und Seelen vereinnahmt und mit den elterlichen Abjekten beladen. Diese Kinder hatten es schwer, eigene psychischen Strukturen zu entwickeln und sich zu wehren.

Entsprechend schwierig sind die Versuche, sich aus diesen Abhängigkeiten zu lösen. Professionelle Hilfe kann in besonderen Fällen angesagt sein, wobei es bislang recht wenige speziell vorbereitete Psychotherapeuten gibt. Die ersten Erfahrungsberichte (vgl. Bergmann et al. 1995; Bohleber 1998; Radebold 2000) zeugen von sehr unterschiedlichen methodischen Zugängen. Neumann (1999: 213) beispielsweise bearbeitet mit Menschen der zweiten und der dritten Generation persönliche Schwierigkeiten. Die rein individuelle Perspektive blendet - den Prinzipien der "Humanistischen Psychologie" gemäß - politische Aspekte aus. Des Autors Zukunftsvision ist dann auch die Schulung von ExpertInnen für Versöhnung: "Letztlich geht es um eine innere Aussöhnung mit dem eigenen seelischen und moralischen Erbgut aus der Kriegszeit, der Zeit des Völkermords, der Vernichtung von Juden und Jüdinnen." Diese individuelle Verarbeitung unter Ausschluss politischer Bezüge endet als 'innere Aussöhnung' erneut im kollektiven Schweigen. Und sie stärkt die Front der 'Normalisierer' von Augstein bis Walser, nunmehr getragen von 'ausgesöhnten' Individuen. Im Vergleich dazu tragen dann skurrilerweise jene Extremisten mehr an Geschichte, die als Verdränger und Verleugner den scheinbar leichteren Weg wählten. Sie bleiben obsessiv gebunden an das, was sie verleugnen: "Tatsächlich zwingt ihr radikales Leugnen paradoxerweise konstant, zum Faktum des Genozids als untolerierbaren, aber unverzichtbaren Bezugspunkt zurückzukehren" (Fresco 1994: 190).

Psychologische Aufarbeitungen persönlicher und familiärer Geschichte sind hilfreiche Schritte, wenn sie durch Integration in soziale und politische Kontexte ihre selbstreflexive Kraft entfalten können (Beitrag Vonholt). Ein wichtiger Punkt ist die symbolische Rückgabe der uns als Kindern und Enkeln aufgebürdeten Lasten an diejenigen, die sich weigerten, ihre Verantwortlichkeit und ihre Niederlage anzunehmen. Das sind die Leitfiguren aus Wirtschaft und Finanzwelt, die staatlichen Institutionen, die Berufsverbände etc. und eben auch die eigenen Eltern. Besonders den letzteren gegenüber wird diese persönliche Entlastung teuer erkauft, nämlich mit einer unvermeidlichen Ambivalenz den Menschen gegenüber, die uns am nächsten stehen oder standen. Bessere Eltern gab es für uns nicht, und unsere selbstgewählten 'Gurus' von Che bis Bhagwan blieben immer Ersatz (vgl. Kypke 1998). Wir müssen mit diesen Ambivalenzen leben lernen, uns im Ertragen von Widersprüchen üben und unsere persönlichen Verantwortlichkeiten erfüllen, um "in der Vernichtung nicht fortzuwirken". Und uns der Aufgabe stellen, soziale Prozesse nach Prinzipien zu gestalten, in denen selbstbestimmte Subjekte "im Diskurs der Wünsche" (Niko Diemer) Gesellschaft konstituieren, als Politik des Sozialen.

Zu den Beiträgen im Einzelnen

Brigitta Huhnke analysiert die Rezeptionsgeschichte des Films Holocaust in Deutschland und konfrontiert mit den Zeugnissen Überlebender des Holocaust im Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies. Sie untersucht die Berichterstattung führender deutscher Presseorgane im Kontext des Bitburger Gräberbesuchs von Kohl und Reagan und verdeutlicht, wie hegemoniale Kreise in Deutschland ihre verleugnende Interpretationsweise der Nazizeit medial durchsetzten. Sie kritisiert die schwachen Reaktionen der deutschen Linken zum Ereignis Bitburg wie zum Jubel um Walsers Rede und warnt vor der Gefahr, das Erbe des wortlosen und tatenlosen Dabei-Seins weiter zu tragen. In der politischen Analyse und in der persönlichen Auseinandersetzung geht es der Autorin besonders darum, sich mit den Opfern und ihren Nachkommen in Verbindungen zu bringen.

Björn Krondorfer erzählt die Geschichte seines väterlichen Freundes Ed Gastfriend, eines Überlebenden des Holocaust, dann von der Geschichte seines leiblichen Vaters und von den sich überkreuzenden Wegen dieser beiden ihm nahestehenden Personen. Er berichtet über die mühsamen Schritte zu einer Verständigung zwischen Menschen, die als Täter und als Opfer gegeneinander standen und stehen. Er zeigt und bezeugt die schwierige Lage eines Nachgeborenen der Täterseite, der sich von den Gräueln der Nazizeit distanziert, aktiv an der Aufarbeitung teilhat, sich aber auch der Aufgabe stellt, zum eigenen Vater zu stehen.

Johanna Bodenstab versucht, gedanklich in der Grauzone der Ungewissheit zu operieren, in der die Konturen der Täter aufgelöst sind. Diese Konturlosigkeit verhindert, dass man die Täter geistig zu fassen bekommt oder sich einen klaren Begriff vom Ausmaß ihrer Beteiligung machen kann. Bodenstab erörtert verschiedene Aspekte der Unsichtbarkeit der Täter, die, wenn überhaupt, fast nur in der Erinnerung ihrer Feinde und Opfer Gestalt annehmen. Dabei geht es zunächst um die Perspektive des Außenstehenden als einzig mögliche Blickrichtung auf das Dritte Reich, die allerdings Verzerrungen unterliegt, die mit in den Blick genommen werden müssen, dann um die Tarnung, die für Unsichtbarkeit sorgt und damit im Verborgenen der mörderischen Handlung Raum gibt, und schließlich um die Abwesenheit der Nazis in ihren eigenen Erzählungen, angesichts derer die Autorin schlussfolgert, dass sie nicht nur von einer entstellten Erinnerung zeugt, sondern von den Tätern schon erzeugt wurde, während sie ihre Verbrechen begingen.

Ines Ramee berichtet über eine Frau, die Tochter eines Vaters, der als SS-Mann im Krieg war. Der Text beschreibt in komprimierter Form den Prozess der inneren Auseinandersetzung dieser Frau mit privater und Kriegsgewalt. Sie lenkt den Blick auf den Zusammenhang zwischen den im Krieg von den Soldaten ausgeübten Gewalthandlungen und deren Fortsetzung im privaten, familiären Bereich in der Nachkriegszeit. Sie beschreibt die spezifischen Interaktionen in der Familie, in die der Vater zurückkehrte, und analysiert die Auswirkungen auf die Kinder, auf deren psychische Strukturen und Verhaltensstrategien, mit denen sie versuchen, eine eigene Identität auszubilden.

Ingeborg Vonholt berichtet über Methoden des Playback Theaters, das uns, in der Tradition jüdischer Geschichtserinnerung, Zugänge zum Unsagbaren verschaffen und Wege aufzeigen kann, uns mit Erinnerung und Wirklichkeit des Holocaust auseinander zu setzen.

Der Beitrag von Bernd Boll versteht sich als Handreichung für alle, die - ohne selbst ausgebildete Historiker zu sein - nach Familienangehörigen im Krieg forschen wollen. Es werden die einschlägigen Bestände des Bundesarchivs umrissen und ein Überblick über das deutsche Archivrecht gegeben. Außerdem enthält der Beitrag praktische Tipps für die Durchführung von Recherchen nach Einzelpersonen sowie einen Anhang mit den wichtigsten Archivadressen und Hilfsmitteln.

Die Redaktion in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Cafe X

Literatur

  • Baer, Ulrich (Hg.) 2000: Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur und historische Verantwortung nach der Shoah. Frankfurt/Main
  • Bar-On, Dan 1993: Die Last des Schweigens. Gespräche von Kindern mit Nazitätern. Frankfurt/Main
  • Bar-On, Dan; Brendler, Konrad; Hare, A. Paul 1997: "Da ist etwas kaputtgegangen an den Wurzeln...". Identitätsformation deutscher und israelischer Jugendlicher im Schatten des Holocaust. Frankfurt/Main
  • Bohleber, Werner 1998: Transgenerationelles Trauma, Identifizierung und Geschichtsbewusstsein. In: Rüsen/Straub, S. 256-274
  • Bergmann, Martin S.; Jucovy, Milton E.; Kestenberg, Judith S. (Hg.) 1995: Kinder der Opfer - Kinder der Täter. Psychoanalyse und Holocaust. Frankfurt/Main
  • Brendler, Konrad 1991: Die Unumgänglichkeit des 'Themas' Holocaust für die Enkelgeneration. In: ders./Rexilius, S. 220-258
  • Brendler, Konrad; Rexilius, Günter (Hg.) 1991: Drei Generationen im Schatten der Vergangenheit. Beiträge zum internationalen Forschungskolloquium Lernen und Pseudo-Lernen in der Aufarbeitung des Holocaust. Bergische Universität-GHS, Wuppertal
  • Brückner, Peter 1980: Das Abseits als sicherer Ort. Kindheit und Jugend zwischen 1933 und 1945. Berlin
  • Fresco, Nadine 1994: Negating the Dead. In: Hartman, Geoffrey: Holocaust Remembrance. The Shapes of Memory. Blackwell, Oxford, Cambridge/MA
  • Gaon, Amalia; Bar-On, Dan 1991: "We suffered too": Nazi Children's Inability to Relate to the Sufferings of the Victims of the Holocaust. In: Brendler/Rexilius, S. 38-45
  • Goldhagen, Daniel J. 1996: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Berlin
  • Kramer, Helgard (Hg.) 2000: Die Gegenwart der NS-Vergangenheit. Berlin, Wien
  • Kypke, Inga 1998: Wir war'n die beste der Familien. In: WIDERSPRÜCHE 68, S. 17-24
  • Lanzmann, Claude 1986: Shoah. Düsseldorf
  • PSYCHE. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 2000: Trauma, Gewalt und kollektives Gedächtnis. Sonderheft 9/10
  • Radebold, H. 2000: Abwesende Väter. Folgen der Kriegskindheit in Psychoanalysen. Göttingen
  • Roggenkamp, Viola 1999: "Ich habe gedacht, vielleicht schaffst du es." Zum Tode von Ignatz Bubis. In: Krautgarten 35, www.krautgarten.de
  • Rommelspacher, Birgit 2000: Generationenkonflikte und deutsches Selbstverständnis. Sozialpsychologische Aspekte der Goldhagen-Debatte. In: Kramer, S. 314-328 Rosenthal, Gabriele 1997: Der Holocaust im Leben von drei Generationen. Tübingen
  • Rüsen, Jörn; Straub, Jürgen (Hg.) 1998: Die dunkle Spur der Vergangenheit. Psychoanalytische Zugänge zum Geschichtsbewusstsein. Frankfurt/Main
  • Vesper, Bernward 1977: Die Reise. Jossa
  • Wagner, Irmgard 1998: Arbeiten am Schamdiskurs. Literaturkritik der Nachkriegszeit in psychoanalytischer Perspektive. In: Rüsen/Straub, S. 375-396
  • Welzer, Harald (Hg.). 2001: Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung. Hamburg
  • Westernhagen, Dörte von 1987: Die Kinder der Täter. Das Dritte Reich und die Generation danach. München
  • Westernhagen, Dörte von 1991: Persönliche Konsequenzen aus personalen Verstrickungen oder Der Pakt mit den Vätern. In: Brendler/Rexilius, S. 46-54

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