Epistemische Gewalt

Schwerpunkt

Epistemische Gewalt als analytische Perspektivierung. Dekoloniale Anknüpfungspunkte und lokal/globale Vermittlungen in der Sozialen Arbeit

In ihrem Text „Epistemische Gewalt als analytische Perspektivierung. Dekoloniale Anknüpfungspunkte und lokal/globale Vermittlungen in der Sozialen Arbeit“ beschäftigt sich Denise Bergold-Caldwell mit den Grundzügen des Konzepts der epistemischen Gewalt und mit der damit verbundenen Frage nach der Ausgrenzung und Abwertung von Wissen und Menschen durch dominante westliche Wissenssysteme. Besonders in der Sozialen Arbeit und Erziehungswissenschaft wird gezeigt, wie diese Gewalt auf verschiedenen Ebenen wirkt: Wer als Mensch anerkannt wird (Mikroebene), welches Wissen als legitim gilt (Mesoebene), und wie globale Machtstrukturen lokale Ungleichheiten prägen (Makroebene). Der Artikel plädiert für eine dekoloniale und kritische Reflexion, um epistemische Gewalt sichtbar zu machen und gerechtere Wissens- und Machtverhältnisse zu fördern.

Kritik als Stachel und ‚Messer im eigenen Fleisch‘ - Nachdenken über Hegemoniales in Projekten der Gesellschafts- und Erkenntniskritik

Vor dem Hintergrund diverser historischer und empirischer Studien zu feministisch orientierten Bewegungen der Kritik denkt Susanne Maurer in diesem Beitrag über Hegemoniales in Projekten der Gesellschafts- und Erkenntniskritik nach. Den Bezugspunkt ‚epistemische Gewalt‘ versteht sie als Herausforderung, eigene (Selbst-)Verständnisse des Kritischen einer erneuten Überprüfung zu unterziehen. Kritik als Stachel und ‚Messer im eigenen Fleisch‘, so der Untertitel des Beitrags, als ein Vorgang entsprechenden Rück- und Weiterfragens führe in durchaus riskante ‚Gefilde‘ und ‚Zustände’. Denn vertraut gewordene Orte und Praktiken müssen dabei auch verlassen werden, ohne zu wissen, wo diese höchst unbequeme ‚Gratwanderung‘ hinführen wird. Sie führe an – mehr oder weniger heroischen – (Selbst-)Bildern vorbei, deren Bedeutung für die Imagination und Realisierung individueller wie kollektiver (erkenntnis)politischer Handlungsfähigkeit ausgelotet und auch kritisch gewürdigt werden will. Die Autorin stellt sich dabei Fragen, wie: Was erweist sich dabei als ‚Stärke‘, was als ‚Schwäche‘ – und inwiefern sind diese meist dichotom gedachten Zuschreibungen bereits Teil des zu reflektierenden Problems?

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Epistemische Gewalt als befreiungstheoretische Herausforderung

Bezugnehmend auf den Beitrag von Denise Bergold-Caldwell arbeitet Michael May in seinem Beitrag heraus, dass in der herrschaftskritischen Tradition historisch-materialistischer Dialektik nicht allein viele Aspekte, die heute mit dem Begriff epistemische Gewalt zu fassen versucht werden, bereits vorweggenommen wurden. Vielmehr ließen sich darüber auch Blindstellen des diesbezüglichen Diskurses erhellen. So wurde in dieser Hinsicht ja schon in post- bzw. dekolonialen Ansätzen auf jene Tradition zurückgegriffen. Vor dem Hintergrund dieser Tradition verweist er auf weitere Blindstellten des Diskurses, um sich schließlich mit den befreiungstheoretischen Herausforderungen einer Aufklärung epistemischer Gewalt zu beschäftigen.

Nach-Denken über „Gewalt“ als Etikett mit dem Zweck von Ideologieproduktion und sozialer Ausschließung - zugleich eine Kritik der Verwendung von epistemischer Gewalt als Oberbegriff für Herrschaft

Helga Cremer-Schäfer argumentiert in ihrem Beitrag gegen eine Begriffspolitik in kritischen Analysen Herrschaft und Ideologie durch den Begriff epistemischer Gewalt aufzuheben. Die Argumente dazu entnimmt der Beitrag zum einen den Reflexionen feministischer Theorie zum Gebrauch von „Gewalt gegen Frauen“ als Symbol für alle von Frauen: und Subalternen erfahrene Unterdrückung und sozialer Ausschließung. Zum zweiten erinnert der Beitrag daran, dass Formen „hegemonialer Herrschaft“ nur durch eine spezifische Verhältnisbestimmung von „Gewalt und Hegemonie“ gedacht werden kann. In diesem Zusammenhang erinnert Cremer-Schäfer an die Studie „Policing the Crisis“ von Stuart Hall und die darin nachgezeichnete Amalgamierung der Klassenstruktur im Übergang zur neoliberalen Phase von Kapitalismus „im Westen“. Ihr zufolge ermöglicht erst das Wissen um die gesellschaftlichen und staatlichen Strategien der Produktion von „autoritärem Konsens“ und der Etablierung von „Gewalt“ als Ausschluss-Etikett wissenschaftliche Gegenwehr. Diese bedeutet andere Begriffe für Formen von Gegenwehr zu finden, die sich gegen Herrschaft durch Verdinglichung richtet.

„…denn wir waren und sind zum Teil immer noch einfach ein abgehobener intellektueller Haufen“ Reflexionen mit Ottmar Miles-Paul zu Einschlüssen und Ausschlüssen in der Behindertenbewegung

In dem Interviewgespräch, das Nicoletta Rapetti mit Ottmar Miles-Paul führt, geht es um Reflexionen zu „Einschlüssen und Ausschlüssen in der Behindertenbewegung“, die sie beide erlebten und erleben. Der Interviewte betont den Kernpunkt der „Selbstbestimmt-Leben-Philosophie“, in der es darum geht „behinderungsübergreifend“ zu arbeiten, trotz der Herausforderungen, die es gibt, die Forderungen von Gruppen mit unterschiedlichen Behinderungen zusammenzubringen. Er berichtet jedoch auch von den Erfahrungen, dass Engagierte in ihrem Vorhaben inklusive Räume zu gestalten auf finanzielle Einschränkungen und Grenzen stoßen bei dem Anspruch Barrierefreiheit einzulösen. Trotz der Hürden und damit einhergehenden emotionalen Höhen und Tiefpunkten „zwischen Hoffnung und manchmal unendlichem Frust“ wird davon erzählt, wie der Kampf ein Stück Freiheit zu gewinnen weitergeht in Empowermentgruppen, Verbündetennetzwerke und Peerarbeit.

Miniaturen

Ansprüche an emanzipative Wissensproduktion in linken Projekten der Kritik – Zwickmühlen, Aus- und Nebenwirkungen, riskante Ausbrüche

Ausgehend von Erfahrungen mit Zugangsmöglichkeiten oder besser Zugangsbarrieren zu linken Projekten, denken Annita Kalpaka und Efthimia Panagiotidis über das Sprechen und Gehörtwerden aus Perspektive von Marginalisierten nach, ohne dabei Sichtweisen aus der marginalisierten Erfahrung zu verklären. Unter dem Begriff „Zwickmühlen“ thematisieren sie Barrieren und Ausschlussmechanismen, die sie durch „unterstellte Gleichbehandlung“ bzw. „unsichtbare Hierarchisierung durch die Normalität des Rahmens“ in linken Projekten vorfinden und das Dilemma einer widerwilligen Anpassung an herkömmliche Arten der Wissensproduktion. Die Autorinnen erkennen dabei Analogien zu Integrationsimperativen, welche eine Bringschuld bei den „Anderen“ der Migrationsgesellschaft sehen, um in den natio-ethno-kulturellen Raum aufgenommen zu werden. Dabei vermissen sie den kritischen oder prüfenden Blick auf das Normale, auf die Routinen und unhinterfragten Regeln, die Ausschlüsse produzieren bzw. verstärken. Die Fragen richten sich auch an Marginalisierte selbst, an Anpassungsleistungen, Zugeständnisse bzw. Abstriche, die ihnen das Dazugehören abverlangt.

Wenn das Private doch nur privat bleiben soll – kollektive Aufarbeitungsprozesse zu sexualisierter Gewalt in linken Projekten

Die zweite Miniatur aus der Perspektive der Gruppe mora, eines Kollektivs von Aktivist:innen, rekonstruiert den Fall der Verbreitung von Spannervideos, die auf einem Festival heimlich aufgenommen und über Portale verbreitet, sogar verkauft wurden. Über diesen Weg erfuhren „mehrere tausend FLINTA, dass sie möglicherweise Betroffene sexualisierter Gewalt geworden waren“. Die Gruppe Mora reflektiert das eigene Handeln im Spannungsfeld zwischen einem „(gemeinsamen) Ringen um Sichtbarmachung und gegen die internalisierten Gefühle von Scham und Schuld“ und einer „diskursiven Abwehr jener Gewalterfahrung“. In linken Plena, so ihre ernüchternde Feststellung, wäre „das Private nach wie vor in höchstem Grade privat“ geblieben. In ihrem Nachdenken über eigene Verstrickungen und Verantwortung thematisieren sie die Notwendigkeit, Sanktionsforderungen nach ihrer Angemessenheit zu prüfen, um pauschale Stigmatisierungen zu vermeiden und um „gegenüber neuen Tabuisierungen und Hegemonien einen kritischen Blick zu bewahren.“

Forum

Realität oder Konstruktion!? – Instrumentelle Charakteristika des systemischen Ansatzes in der Praxis der Sozialen Arbeit

In seinem Forumsbeitrag unterzieht Tobias Kraus im Anschluss an Max Horkheimers Begriff der instrumentellen Vernunft den systemischen Ansatz in der Praxis der Sozialen Arbeit einer Kritik. Dabei nimmt er systemische (Beratungs- und Therapie-)Ansätze in den Blick und zeigt Widersprüchlichkeiten damit verbundener Versprechen auf, Menschen in schwierigen Lebenssituationen handlungsfähig zu machen. Auch verweist er kritisch auf die Einbettung dieses Versprechens in neoliberale Verhältnisse. Dafür unterzieht Kraus wesentliche Bezugspunkte des Ansatzes einer immanenten Kritik (hält der systemische Ansatz überhaupt, was er verspricht?) und unternimmt zugleich eine ideologiekritische Analyse der dem Verfahren zugrunde gelegten Theorieansätze. Dabei strebt Kraus keine pauschale Ablehnung besagter Ansätze an, sondern eine kritische Hinterfragung der Gründe ihrer Beliebtheit, wozu vor allem das Versprechen von Handlungsfähigkeit in unveränderten (gesellschaftlichen) Verhältnissen gehört. Mögen systemische Ansätze somit einerseits dazu beitragen akuten Leidensdruck zu verringern, bleibt demnach widersprüchlich „Möglichkeitsräume vergrößern zu wollen in Verhältnissen, die immer weniger Möglichkeiten zulassen.“

„Auf dem rechten Auge blind“: Rechtsextreme Strukturen in der postmigrantischen Gesellschaft und deren Herausforderungen für die Soziale Arbeit

Im zweiten Forumstext untersucht Phyllis Levin rechtsextreme Strukturen in der postmigrantischen Gesellschaft und ihre Herausforderungen für die Soziale Arbeit. Sie zeigt, dass rechtsextreme und rassistische Ideologien nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch innerhalb migrantischer Communities auftreten. Als Beförderer dieser Dynamiken benennt sie u.A. Diaspora-Nationalismus, Diskriminierungserfahrungen und transnationale politische Einflüsse. Phyllis Levin thematisiert multiple Diskriminierungsformen und entwickelt darauf aufbauend Handlungsempfehlungen für die Soziale Arbeit, darunter kultursensible Prävention, Stärkung demokratischer Werte sowie Empowerment.

Rezensionen

Zum Problem der Einheit der Jugendhilfe. Über: Sinah Mielich 2024: Zum Problem der Einheit der Jugendhilfe. Eine historisch-systematische Studie.

Editorial

Zu diesem Heft

 

Das vorliegende Widersprüche Heft trägt den knapp gehaltenen Titel: Epistemische Gewalt. Die Idee zu diesem Heft entsprang einer lebhaften und in Teilen auch kontroversen Debatte während unserer Jahrestagung 2024. Daran anknüpfend, möchte das Heft Raum geben zum nachdenklichen Suchen, jenseits allzu sicher geglaubter Positionierungen, nach Ansätzen zur Hinterfragung der eigenen Wissensproduktion und dessen, was zu welchen Bedingungen als Wissen verstanden und anerkannt wird. Es geht um die Wahrnehmung des eigenen „kritischen Denkens“ als weiterhin verstrickt in Hegemonie, um die Reflexion „kritischer Debatten“ entlang der Frage, wer hier spricht und wer nicht, und es geht darum mutig genug zu sein, nicht nur beim Fragen stehen zu bleiben. Doch braucht es für diese Auseinandersetzung einen neuen Begriff und welche Begriffspolitik verbindet sich mit der Rede von der epistemischen Gewalt?

Das mit dem Heft gewählte Thema und der damit verbundene Anspruch jenen als „gewaltförmig“ erlebten Erfahrungen der epistemischem Ausschließung Aufmerksamkeit zu schenken und diese thematisierbar zu machen sind deutlich komplexer als sein Titel. Denn Wissenschaft ist mitunter auch dort gewaltförmig, wo sie am wenigsten nach Gewalt aussieht (Brunner 2020: 125). Die kritische Auseinandersetzung mit diesem Begriff und dem damit einhergehenden Theorieangebot kann gerade in linken Projekten, wie auch dem unserer Zeitschrift, schnell unangenehm und heikel werden: die Verstrickung kritischen Denkens in bestehende Strukturen gesellschaftlicher Herrschaft birgt die Möglichkeit des Umschlagens einer befreiungstheoretischen Position in die der Dominanz, die andere Stimmen zum Verstummen bringen kann; gerade dann, wenn die Mittel zur Beteiligung in diesen Projekten de facto nicht gleich verteilt und gegeben sind; sei es aufgrund vorhandener Wissensvorsprünge, bereits erreichter Positionen im Wissenschaftsbetrieb oder anderer Gesichtspunkte, die sich aus den allgemeinen Konsequenzen gesellschaftlich struktureller Verhältnisse von Klasse, Geschlecht oder auch Rassismus und Ableismus ergeben, gegen die sich solche Projekte mitunter explizit richten, deren Auswirkungen jedoch auch nicht innerhalb dieser Projekte suspendiert sind.

Der enge Zusammenhang zwischen der Produktion von Wissen und der Reproduktion von Herrschaft, ist an sich kein neues Thema, schon gar nicht für kritische Theorieangebote. Wir finden diesen Zusammenhang nicht nur in den Machtanalysen Foucaults, sondern bereits bei Adorno und Horkheimer und ihrer Kritik am herrschaftssichernden Beitrag von Wissenschaft, über deren Produktion wissenschaftlich autorisierten „nützlichen“ Wissens. Dies war der eigentliche Anlass, der traditionellen Wissenschaft das Projekt einer Kritischen Theorie gegenüberzustellen (vgl. Horkheimer 2011). Bereits hier wurde hervorgehoben, dass die gesellschaftlich organisierte Wissensproduktion, inklusive der kritischen, keinen herrschaftsfreien Raum konstituiert, sondern selbst eine Macht und „verflochten ist, in den Stand der gesellschaftlichen Macht- und Verfügungsverhältnisse“ (Adorno 2007: 81). Aus dieser Perspektive bedeutet „Reflexivität […] die Frage nach der herrschaftlichen Bedingtheit aller Erscheinungen“ (Resch 2014: 80) und umfasst auch Fragen danach, wann, wo und zu welchem Zweck welches Wissen produziert wird, und insbesondere auch für wen und von wem eigentlich „wissenschaftlich autorisiertes“ Wissen produziert wird bzw. werden kann (vgl. Anhorn 2022: 53).

Dass dieser Zusammenhang von Wissen und Macht, über die gesellschaftlich arbeitsteilige Organisation der Wissensproduktion und damit verbundenen gesellschaftlich anerkannten Produktionsweisen von Wissen Formen sozialer Ausschließung hervorbringt, darauf verwies bereits Antonio Gramsci. Ihm zufolge besitzen zwar grundsätzlich alle Menschen intellektuelle und rationelle Talente, aber nur wenige von ihnen können gesellschaftlich die Funktion von Intellektuellen einnehmen und ihre vorhandenen Talente auch entwickeln und ausüben (vgl. Gefängnishefte, H. 12, §1: 1500); zumindest in einer Weise, die auch gesellschaftlich als „Talent“ anerkannt ist. Im Anschluss an Gramsci war es vor allem Gayatri C. Spivak (1988), die die Frage danach aufwarf, ob die „Subalternen sprechen können“, welche zu einem zentralen Kern der post colonial studies wurde, der in den Kontext feministischer Theoriebildung und Analysen Einzug gehalten hat und auch einen Bezugspunkt der aktuellen Debatten über epistemische Gewalt bildet. Es ging und geht ihr darum aufzuzeigen, wie nicht nur indische Frauen, sondern auch andere marginalisierte Gruppen an ihrer Selbstrepräsentation und Handlungsmacht im alltäglichen wie wissenschaftlich-akademischen Kontext behindert, gar systematisch zum Schweigen gebracht werden (Spivak 2008: 101).

Wissen und Wissenschaft findet also nicht jenseits von Machtordnungen statt, sondern sie impliziert und produziert selbst welche. Trotz der o.g. genannten und auch noch weiteren kritischen Analysen zu den Verstrickungen des „homo academicus“ (Bourdieu 1992), ist die Notwendigkeit, die eigenen epistemischen Voraussetzungen, Implikationen und Analysen unter machttheoretischen Vorzeichen zu analysieren, keine Selbstverständlichkeit; zumindest ist sie gerade aufgrund dieser Verstrickungen leichter postuliert als auch getan. Die Macht- und Ausschlusspraktiken der eigenen Deutungsschemata auszuleuchten, d.h. welche Aussagen und welches Wissen die eigene Position als legitim und/oder wahrhaftig markiert bzw. disqualifiziert, ist eben kein leichtes Geschäft. Nikita Dhawan spricht in diesem Zusammenhang von „epistemischen Schweigezonen“ (epistemic silences) (Dhawan 2007: 273) und Miranda Fricker verweist auf eine Form der Ungerechtigkeit, die sie „Zeugnisungerechtigkeit“ (testimonial injustice) nennt. Diese tritt auf, „wenn Vorurteile aufseiten der Zuhörerin dazu führen, dass sie ihm weniger Glaubwürdigkeit schenkt, als sie es andernfalls täte“ (Fricker 2023: 27), womit sie den Ausschluss bestimmter Personen als potente Wissensquellen beschreibt. Mit Blick auf die Geschichte Sozialer Arbeit, ist, z.B. im Umgang mit sexualisierter Gewalt (vgl. Rommelspacher 2012) oder Gewalterfahrungen in der Heimerziehung (Kappeler 2024), die Abwertung von Glaubwürdigkeit der Erfahrungen und dem Wissen Betroffener ein gängiger Begleiter dieser Geschichte. Diese Ausschlüsse haben für die Betroffenen gesellschaftliche und institutionelle Konsequenzen, die sie nicht nur emotional und kulturell-symbolisch berühren, sondern die sie mitunter auch körperlich erfahren. Etwa wenn diese Ausschlüsse zur Abwertung ihrer ganzen Person führen, was zugleich ihre körperlich-emotionale Unversehrtheit umfasst bzw. umfassen kann. Damit ist nicht gesagt, dass dies alles von Wissenschaftler:innen intendiert ist, aber Absichtslosigkeit schützt nicht vor hervorgerufenen Folgen.

Den eigenen Verstrickungen in Herrschaft auf den Grund zu gehen, begleitet das Projekt der Zeitschrift Widersprüche schon sehr lange; dies nicht nur im Sinne einer Auseinandersetzung mit dem institutionalisierten Grundkonflikt Sozialer Arbeit von Hilfe und Herrschaft (vgl. Redaktion Widersprüche 1981), sondern ganz gezielt mit Blick auf die Widersprüche in den Widersprüchen, also die eigene Verstrickung, der man letztendlich auch nicht entgeht, solange man unter Bedingungen gesellschaftlicher Herrschaft lebt, arbeitet und Wissen produziert. So verwies die Redaktion in Heft 91 selbstkritisch darauf, dass das Motto der Widersprüche zwar eine offene Einladung und Aufforderung beinhalte, mit der Redaktion „in den Diskurs zu kommen“. Gleichzeitig sei es so, dass dieser Diskurs über den Verlauf der Jahre „nicht frei von Enttäuschungen bleiben konnte“ (Redaktion Widersprüche 2004: 3). Innerhalb der Redaktion der Widersprüche wurden solche theoretischen Impulse und damit verbundene Fragestellungen insbesondere von Timm Kunstreich in seiner Kritik hegemonialer Wissensproduktion der Soziologie und der (disziplinären wie professionellen) Sozialen Arbeit aufgegriffen, hinsichtlich der Leerstellen, die sie gegenüber den alltäglichen Wissensproduktionen subalterner Positionen aufweisen (vgl. Kunstreich 2016). Für Kunstreich bildeten letztgenannte den zentralen Bezugspunkt einer Pädagogik des Sozialen (vgl. Redaktion Widersprüche 2016). Auch Ellen Bareis und andere Vertreter:innen der Perspektive „from below“ (Bareis/Cremer-Schäfer 2023; Herzog 2015) widmeten und widmen sich explizit dem Sichtbarmachen der alltäglichen Anstrengungen der Leute in ihrer Auseinandersetzung mit Situationen der Ausschließung. Dabei wird auch Arbeit an „Verdinglichung“ geleistet (vgl. Bareis et al. 2015), d.h. ein Abarbeiten an einer herrschenden Wissensproduktion über die (vermeintliche) Lebensführung von Menschen und ihrer etikettierenden Anwendung.

In Fortführung dessen geht es uns mit diesem Heft insofern sowohl um eine Auseinandersetzung mit den Optionen, Wahlverwandtschaften aber auch Grenzen des Konzepts der Epistemischen Gewalt, als auch mit der Frage nach eben den Verstrickungen linker Projekte der Kritik in jene Formen der Ausschließung in Prozessen der Wissensproduktion, die Vertreter:innen des Konzepts mit dem Begriff der epistemischen Gewalt sichtbar machen wollen. Die darin versammelten Beiträge schließen in unterschiedlicher Weise an eine oder beide Fragen zugleich an.

 

Zu den Beiträgen im Einzelnen

 

In ihrem Text „Epistemische Gewalt als analytische Perspektivierung. Dekoloniale Anknüpfungspunkte und lokal/globale Vermittlungen in der Sozialen Arbeit“ beschäftigt sich Denise Bergold-Caldwell mit den Grundzügen des Konzepts der epistemischen Gewalt und mit der damit verbundenen Frage nach der Ausgrenzung und Abwertung von Wissen und Menschen durch dominante westliche Wissenssysteme. Besonders in der Sozialen Arbeit und Erziehungswissenschaft wird gezeigt, wie diese Gewalt auf verschiedenen Ebenen wirkt: Wer als Mensch anerkannt wird (Mikroebene), welches Wissen als legitim gilt (Mesoebene), und wie globale Machtstrukturen lokale Ungleichheiten prägen (Makroebene). Der Artikel plädiert für eine dekoloniale und kritische Reflexion, um epistemische Gewalt sichtbar zu machen und gerechtere Wissens- und Machtverhältnisse zu fördern.

Vor dem Hintergrund diverser historischer und empirischer Studien zu feministisch orientierten Bewegungen der Kritik denkt Susanne Maurer in diesem Beitrag über Hegemoniales in Projekten der Gesellschafts- und Erkenntniskritik nach. Den Bezugspunkt ‚epistemische Gewalt‘ versteht sie als Herausforderung, eigene (Selbst-)Verständnisse des Kritischen einer erneuten Überprüfung zu unterziehen. Kritik als Stachel und ‚Messer im eigenen Fleisch‘, so der Untertitel des Beitrags, als ein Vorgang entsprechenden Rück- und Weiterfragens führe in durchaus riskante ‚Gefilde‘ und ‚Zustände’. Denn vertraut gewordene Orte und Praktiken müssen dabei auch verlassen werden, ohne zu wissen, wo diese höchst unbequeme ‚Gratwanderung‘ hinführen wird. Sie führe an – mehr oder weniger heroischen – (Selbst-)Bildern vorbei, deren Bedeutung für die Imagination und Realisierung individueller wie kollektiver (erkenntnis)politischer Handlungsfähigkeit ausgelotet und auch kritisch gewürdigt werden will. Die Autorin stellt sich dabei Fragen, wie: Was erweist sich dabei als ‚Stärke‘, was als ‚Schwäche‘ – und inwiefern sind diese meist dichotom gedachten Zuschreibungen bereits Teil des zu reflektierenden Problems?

Bezugnehmend auf den Beitrag von Denise Bergold-Caldwell arbeitet Michael May in seinem Beitrag heraus, dass in der herrschaftskritischen Tradition historisch-materialistischer Dialektik nicht allein viele Aspekte, die heute mit dem Begriff epistemische Gewalt zu fassen versucht werden, bereits vorweggenommen wurden. Vielmehr ließen sich darüber auch Blindstellen des diesbezüglichen Diskurses erhellen. So wurde in dieser Hinsicht ja schon in post- bzw. dekolonialen Ansätzen auf jene Tradition zurückgegriffen. Vor dem Hintergrund dieser Tradition verweist er auf weitere Blindstellten des Diskurses, um sich schließlich mit den befreiungstheoretischen Herausforderungen einer Aufklärung epistemischer Gewalt zu beschäftigen.

Helga Cremer-Schäfer argumentiert in ihrem Beitrag gegen eine Begriffspolitik in kritischen Analysen Herrschaft und Ideologie durch den Begriff epistemischer Gewalt aufzuheben. Die Argumente dazu entnimmt der Beitrag zum einen den Reflexionen feministischer Theorie zum Gebrauch von „Gewalt gegen Frauen“ als Symbol für alle von Frauen: und Subalternen erfahrene Unterdrückung und sozialer Ausschließung. Zum zweiten erinnert der Beitrag daran, dass Formen „hegemonialer Herrschaft“ nur durch eine spezifische Verhältnisbestimmung von „Gewalt und Hegemonie“ gedacht werden kann. In diesem Zusammenhang erinnert Cremer-Schäfer an die Studie „Policing the Crisis“ von Stuart Hall und die darin nachgezeichnete Amalgamierung der Klassenstruktur im Übergang zur neoliberalen Phase von Kapitalismus „im Westen“. Ihr zufolge ermöglicht erst das Wissen um die gesellschaftlichen und staatlichen Strategien der Produktion von „autoritärem Konsens“ und der Etablierung von „Gewalt“ als Ausschluss-Etikett wissenschaftliche Gegenwehr. Diese bedeutet andere Begriffe für Formen von Gegenwehr zu finden, die sich gegen Herrschaft durch Verdinglichung richtet.

In dem Interviewgespräch, das Nicoletta Rapetti mit Ottmar Miles-Paul führt, geht es um Reflexionen zu „Einschlüssen und Ausschlüssen in der Behindertenbewegung“, die sie beide erlebten und erleben. Der Interviewte betont den Kernpunkt der „Selbstbestimmt-Leben-Philosophie“, in der es darum geht „behinderungsübergreifend“ zu arbeiten, trotz der Herausforderungen, die es gibt, die Forderungen von Gruppen mit unterschiedlichen Behinderungen zusammenzubringen. Er berichtet jedoch auch von den Erfahrungen, dass Engagierte in ihrem Vorhaben inklusive Räume zu gestalten auf finanzielle Einschränkungen und Grenzen stoßen bei dem Anspruch Barrierefreiheit einzulösen. Trotz der Hürden und damit einhergehenden emotionalen Höhen und Tiefpunkten „zwischen Hoffnung und manchmal unendlichem Frust“ wird davon erzählt, wie der Kampf ein Stück Freiheit zu gewinnen weitergeht in Empowermentgruppen, Verbündetennetzwerke und Peerarbeit.

Die zwei Miniaturen werfen den Blick auf erlebte Dilemmata und die Suche nach Umgangsweisen mit hierarchischen bzw. gewaltförmigen Verhältnissen in linken Projekten. Ausgehend von Erfahrungen mit Zugangsmöglichkeiten oder besser Zugangsbarrieren zu linken Projekten, denken Annita Kalpaka und Efthimia Panagiotidis über das Sprechen und Gehörtwerden aus Perspektive von Marginalisierten nach, ohne dabei Sichtweisen aus der marginalisierten Erfahrung zu verklären. Unter dem Begriff „Zwickmühlen“ thematisieren sie Barrieren und Ausschlussmechanismen, die sie durch „unterstellte Gleichbehandlung“ bzw. „unsichtbare Hierarchisierung durch die Normalität des Rahmens“ in linken Projekten vorfinden und das Dilemma einer widerwilligen Anpassung an herkömmliche Arten der Wissensproduktion. Die Autorinnen erkennen dabei Analogien zu Integrationsimperativen, welche eine Bringschuld bei den „Anderen“ der Migrationsgesellschaft sehen, um in den natio-ethno-kulturellen Raum aufgenommen zu werden. Dabei vermissen sie den kritischen oder prüfenden Blick auf das Normale, auf die Routinen und unhinterfragten Regeln, die Ausschlüsse produzieren bzw. verstärken. Die Fragen richten sich auch an Marginalisierte selbst, an Anpassungsleistungen, Zugeständnisse bzw. Abstriche, die ihnen das Dazugehören abverlangt.

Die zweite Miniatur aus der Perspektive der Gruppe mora, eines Kollektivs von Aktivist:innen, rekonstruiert den Fall der Verbreitung von Spannervideos, die auf einem Festival heimlich aufgenommen und über Portale verbreitet, sogar verkauft wurden. Über diesen Weg erfuhren „mehrere tausend FLINTA, dass sie möglicherweise Betroffene sexualisierter Gewalt geworden waren“. Die Gruppe Mora reflektiert das eigene Handeln im Spannungsfeld zwischen einem „(gemeinsamen) Ringen um Sichtbarmachung und gegen die internalisierten Gefühle von Scham und Schuld“ und einer „diskursiven Abwehr jener Gewalterfahrung“. In linken Plena, so ihre ernüchternde Feststellung, wäre „das Private nach wie vor in höchstem Grade privat“ geblieben. In ihrem Nachdenken über eigene Verstrickungen und Verantwortung thematisieren sie die Notwendigkeit, Sanktionsforderungen nach ihrer Angemessenheit zu prüfen, um pauschale Stigmatisierungen zu vermeiden und um „gegenüber neuen Tabuisierungen und Hegemonien einen kritischen Blick zu bewahren.“

In seinem Forumsbeitrag unterzieht Tobias Kraus im Anschluss an Max Horkheimers Begriff der instrumentellen Vernunft den systemischen Ansatz in der Praxis der Sozialen Arbeit einer Kritik. Dabei nimmt er systemische (Beratungs- und Therapie-)Ansätze in den Blick und zeigt Widersprüchlichkeiten damit verbundener Versprechen auf, Menschen in schwierigen Lebenssituationen handlungsfähig zu machen. Auch verweist er kritisch auf die Einbettung dieses Versprechens in neoliberale Verhältnisse. Dafür unterzieht Kraus wesentliche Bezugspunkte des Ansatzes einer immanenten Kritik (hält der systemische Ansatz überhaupt, was er verspricht?) und unternimmt zugleich eine ideologiekritische Analyse der dem Verfahren zugrunde gelegten Theorieansätze. Dabei strebt Kraus keine pauschale Ablehnung besagter Ansätze an, sondern eine kritische Hinterfragung der Gründe ihrer Beliebtheit, wozu vor allem das Versprechen von Handlungsfähigkeit in unveränderten (gesellschaftlichen) Verhältnissen gehört. Mögen systemische Ansätze somit einerseits dazu beitragen akuten Leidensdruck zu verringern, bleibt demnach widersprüchlich „Möglichkeitsräume vergrößern zu wollen in Verhältnissen, die immer weniger Möglichkeiten zulassen.“

Im zweiten Forumstext untersucht Phyllis Levin rechtsextreme Strukturen in der postmigrantischen Gesellschaft und ihre Herausforderungen für die Soziale Arbeit. Sie zeigt, dass rechtsextreme und rassistische Ideologien nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch innerhalb migrantischer Communities auftreten. Als Beförderer dieser Dynamiken benennt sie u.A. Diaspora-Nationalismus, Diskriminierungserfahrungen und transnationale politische Einflüsse. Phyllis Levin thematisiert multiple Diskriminierungsformen und entwickelt darauf aufbauend Handlungsempfehlungen für die Soziale Arbeit, darunter kultursensible Prävention, Stärkung demokratischer Werte sowie Empowerment.

 

Literatur

Adorno, Theodor 2007: Vorlesungen über die negative Dialektik. Frankfurt a.M.

Anhorn, R. 2022: Kritische Soziale Arbeit – was könnte das sein? In: Wendt, Peter-Ulrich (Hg.): Kritische Soziale Arbeit. Weinheim/Basel, 42-57

Bareis, Ellen/Klee, Shalimar/Cremer-Schäfer, Helga 2015: Arbeitsweisen am Sozialen. Die Perspektive der Nutzungsforschung und der Wohlfahrtsproduktion „von unten“. In: Bareis, Ellen/Wagner, Thomas (Hg.): Politik mit der Armut. Europäische Sozialpolitik und Wohlfahrtsproduktion „von unten“. Münster, 310-340

Bareis, Ellen/Cremer-Schäfer, Helga 2023: Widersprüche der Produktion des Sozialen from below. In: Widersprüche (168/43), 27-43

Herzog, Kerstin 2015: Schulden und Alltag. Arbeit an schwierigen finanziellen Situationen und die (Nicht-)Nutzung von Schuldnerberatung. Münster

Bourdieu 1992: Homo academicus. Frankfurt a.M.

Brunner, Claudia 2020: Epistemische Gewalt. Wissen und Herrschaft in der kolonialen Moderne. Bielefeld

Dhawan, Nikita 2007: Impossible Speech. On the Politics of Silence and Violence. Sankt Augustin

Fricker, Miranda 2023: Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens. München

Horkheimer, Max 2011: Traditionelle und kritische Theorie. Fünf Aufsätze. Frankfurt a.M.

Kappeler, Manfred 2024: Menschenrechtsverletzungen in der Heimerziehung (40er bis 70er Jahre). In: Widersprüche (172/44), 47-62

Kunstreich, Timm 2016: Pädagogik des Sozialen als transversale Selbstregulierung ein Versuch, lebendige Arbeit und Transversalität. In: Widersprüche (142/36), 35-44

Resch, Christine 2014: Reflexivität als Denkmodell und Perspektive in den Sozialwissenschaften. In: Widersprüche (132/34), 75-89

Rommelspacher, Birgit 2012: Kulturelle Grenzziehung in der Sozialarbeit: Doing and undoing differences. In: Effinger, Herbert/Borrmann, Stefan/Gahleitner, Silke/Köttig, Michaela/Kraus, Björn/Stövesand, Sabine (Hg.): Diversität und Soziale Ungleichheit: Analytische Zugänge und professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit. Opladen, Berlin & Toronto, 43-55

Spivak, Gayatri Chakravorty 2008: Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Wien

 

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