Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse

Schwerpunkt

Gesellschaftliche Naturverhältnisse transformieren? Die Klimagerechtigkeitsbewegung im Spannungsfeld von imperialer Lebensweise und sozial-ökologischer Transformation

Der erste Beitrag des Heftes von Ulrich Brand, Dorothea Schoppek und Ariane Brenssell untersucht die mit neuer Vehemenz erfolgende Verteidigung der imperialen Lebensweise und der ihr zugrundeliegenden nicht-nachhaltigen gesellschaftlichen Naturverhältnisse. In dieser Situation scheint auch die Klimagerechtigkeitsbewegung, die sich für eine sozial-ökologische Transformation dieser Verhältnisse einsetzt, in die Krise geraten zu sein. Der Beitrag verfolgt die Fragestellung, mit welchen Widersprüchen die Bewegung in ihrem politischen Handeln konfrontiert ist und wie ihre Akteur:innen damit umgehen. Dabei identifizieren die Autor:innen eine Abwendung von appellativen Strategien und eine Auffächerung von Orientierungen und Handlungsformen als präfigurative Praxen, Organisation von Gegenmacht und gegen-hegemonialen Strategien, und fragen nach dem Bündnispotenzial zwischen Klimagerechtigkeitsbewegung und einer ökologisch orientierten Sozialen Arbeit.

Imperiale Männlichkeit. Sorge- und Geschlechterdimensionen der imperialen Lebensweise

Marie Frühauf und Marcel Schmidt untersuchen die Verschränkung von Geschlechter- und Naturverhältnissen auf der Ebene des Alltags der Subjekte und fragen danach, inwiefern aktuelle Care-Debatten Analysepotenzial für die Diskussion um gesellschaftliche Naturverhältnisse enthalten. Ausgehend vom Konzept der imperialen Lebensweise zeigen sie, wie ‚imperiale Männlichkeit‘ auf dem bürgerlichen Ideal des autonomen, sorglosen Subjekts beruht und damit vielfältige Abhängigkeiten von anderen Menschen und natürlichen Lebensbedingungen ausblendet. Care-Arbeit, soziale Reproduktion und ökologische Belastungsgrenzen werden so systematisch externalisiert und abgewertet. Der Text diskutiert Anschlussstellen zwischen caretheoretischen Ansätzen und dem Konzept der imperialen Lebensweise, warnt aber vor einer Verengung auf individuelle Verhaltensänderungen. Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus die Aufgabe, Sorge, Verletzlichkeit und ökologische Abhängigkeiten als gesellschaftliche Strukturfragen sichtbar zu machen.

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“Die haben keine Belange“ – Konflikterleben von Sozialarbeiter*innen in der sozial-ökologischen Transformation

Der Beitrag von Gesa Köbberling und Helene Thaa stellt die Frage nach der Rolle der sozial-ökologischen Transformation im Berufsalltag von Sozialarbeiter:innen und nach ihren Handlungsmöglichkeiten in diesem Feld. Ausgehend von einem konfliktanalytischen Verständnis der Sozialen Arbeit beschreiben sie die Energiewende als gesellschaftlichen Konflikt, in dem das Soziale immer wieder gegen das Ökologische ausgespielt wird. Erste Ergebnisse ihrer Interviewforschung zeigen, dass der Klimawandel und seine Folgen und Eindämmung in der Sozialen Arbeit weitgehend dethematisiert werden und die Befragten wenig Handlungsräume jenseits von individualisierten Ansätzen zum Klimaschutz sehen. Dagegen will dieser Beitrag Handlungsräume im Quartier und in der Interessensvertretung der Adressat:innen der Sozialen Arbeit hervorheben.

Jugend und Kohleausstieg – Wandel zwischen Unsicherheit und Teilhabe

Martin Kriemann untersucht, wie Jugendliche den regionalen Strukturwandel im Kontext des Kohleausstiegs erleben und welche Orientierungen sie im Spannungsfeld von Klimadiskurs, sozialräumlichen Bedingungen und eigener Lebenspraxis entwickeln. Auf Grundlage von Gruppendiskussionen mit Jugendlichen im südlichen Sachsen-Anhalt werden aus einer praxeologischen Perspektive drei sinngenetische Modi jugendlicher Wandelerfahrung rekonstruiert: ein pragmatisch-adaptiver, ein reflexiv-emotionaler und ein wissensorientiert-vermittelnder Umgang mit gesellschaftlichem Wandel. Die Ergebnisse zeigen eine Diskrepanz zwischen normativen Transformationsansprüchen und den sozialräumlichen Bedingungen, unter denen Jugendliche Wandel in ihren Lebenswelten bearbeiten. Der Beitrag plädiert dafür, jugendliche Erfahrungen stärker als eigenständige Deutungs- und Handlungsperspektiven in die Gestaltung eines sozial gerechten Strukturwandels einzubeziehen.

Seien wir realistisch, verlangen wir das Unmögliche. Alltagsutopien von Arbeitenden

Nora Räthzel und Ana Maria Gonzáles Ramos gehen dem Umstand nach, dass sich gewerkschaftliche sozialökologische Politik vornehmlich auf die Frage der Arbeitsplätze konzentriert: wie können möglichst viele erhalten werden, wie können Arbeitende bei der Suche nach anderer Arbeit unterstützt werden? Sie argumentieren in ihrem Beitrag, dass, so wichtig gute und sichere Arbeit auch ist, die Geschichte der Arbeiterbewegung zeige, dass es auch um die Qualität des Lebens geht. Eine sozialökologische Transformation müsse zudem den gesamten Lebenszyklus von Produkten einbeziehen, von der Rohstoffextraktion bis zur Abfallwirtschaft. Dann wird deutlich, so die Autor:innen, dass die ökologische Krise sich nicht auf Emissionen reduzieren lässt, sondern alle planetaren Lebensbedingungen umfasst. Anhand ihrer Arbeit mit betrieblichen Gewerkschaftsvertreter:innen zeigen sie in dem Beitrag auf: Arbeiter:innen wollen nicht nur anders arbeiten, sondern anders leben. Ihre Alltagsutopien einer anderen Gesellschaft können Ausgangspunkt für eine umfassende, von den Arbeitenden selbst entwickelte sozialökologische Transformation sein.

Miniaturen

Keine Klimagerechtigkeit ohne soziale Gerechtigkeit!

In den beiden Miniaturen berichtet zunächst hamburgtrautsichwas über eine aktivistische Praxis, die versucht soziale Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit zu verbinden. Hintergrund ist erstens die Erfahrung, dass die Regierungskoalitionen keine sozialstaatlichen Maßnahmen durchsetzen, die Haushalten mit geringen Einkommen von Teuerungen der Energie- und Stromkosten oder finanzielle Folgen der ökologischen Transformation entlastet und zweitens die Erkenntnis, dass Investitionspraxis und Lebensstil reicher Haushalte die ökologische Katastrophe befeuern.

Wasser als relevantes Thema für die Soziale Arbeit im Kontext sozial-ökologischer Krisen. Eine erste Ideenskizze

Und in der den thematischen Teil des Heftes abschließenden Miniatur formuliert Florin Kerle Überlegungen zu Wasser als zentralen Bezugspunkt für die Soziale Arbeit im Kontext sozial-ökologischer Krisen. Anhand von Einblicken aus einem Lehrforschungsprojekt zu Wasserungleichheiten in Wiesbaden und hydrofeministischen Perspektiven skizziert Kerle empirische und theoretische Anknüpfungspunkte einer zukünftig noch zu entwickelnden Hydro-social work. In diesem Zusammenhang betont Kerle, dass neben Zugängen zur Materialität und Relationalität von Wasser und Nachhaltigkeit, insbesondere die kapitalistische Organisation von Naturverhältnissen zu kritisieren ist.

Forum

Kinder- und Jugendhilfe von oben? (Aktualität Karam Khella)

Im Forum reaktivieren Nina Jann und Andreas Gut Karam Khellas marxistisch fundiertes Konzept der „Sozialarbeit von unten" als kritischen Rahmen für die Analyse gegenwärtiger stationärer Kinder- und Jugendhilfe. Sie zeigen, dass Partizipation trotz rechtlicher Verankerung durch strukturelle Machtasymmetrien faktisch entleert bleibt und stationäre Unterbringung Bildungsungleichheit durch institutionelle Praktiken aktiv reproduziert. Khellas Forderung nach kollektiver Bewusstseinsbildung und Selbstermächtigung gewinnt damit als Gegenentwurf zu einer weiterhin anpassungsorientierten Praxis neue Aktualität.

Diagnostik, Planung, Wirkungskontrolle

Im zweiten Beitrag des Forums analysieren Nikolaus Meyer und Elke Alsago vergleichend zwei im Frühjahr 2026 erschienene Schlüsseldokumente – das SWK-Gutachten zur datengestützten Bildungssteuerung und den Referentenentwurf zur Kinder- und Jugendhilfestrukturreform – und legen eine feldübergreifende Konvergenz ihrer Steuerungsrationalitäten frei. Beide Dokumente bearbeiten soziale Krisen nicht primär durch den Ausbau personeller und institutioneller Ressourcen, sondern durch Diagnostik, Verfahrensverdichtung, standardisierte Planung und Wirkungskontrolle. Die Autor:innen zeigen, dass diese Reformlogik professionelles Handeln schleichend reorganisiert, indem relationale und situative Dimensionen gegenüber dokumentations- und planungsförmigen Anforderungen nachrangig werden.

Rezensionen

Lingenfelder, Julia: Politische Bildung und sozial-ökologische Transformation. Impulse aus Bildungspraxen der Klimagerechtigkeitsbewegung, Frankfurt am Main 2025

Thematisch zum Schwerpunkt des Heftes passend, würdigt Jörg Reitzigs Rezension Julia Lingenfelders Dissertation „Politische Bildung und sozial-ökologische Transformation. Impulse aus Bildungspraxen der Klimagerechtigkeitsbewegung“ als Pionierarbeit, die transformative politische Bildung theoretisch fundiert und empirisch an den Selbstbildungspraxen der Klimagerechtigkeitsbewegung untersucht. 

Editorial

Zu diesem Heft

Die ökologische Zerstörung durch Klimakrise und Artensterben ist drängender denn je, zugleich haben ökonomische Wachstums- und Externalisierungslogiken, welche die ökologischen Lebensgrundlagen systematisch ausbeuten und zum Teil unwiederbringlich schädigen, kaum an ihrer destruktiven Dynamik verloren. Ein Heft zur „Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse“ ist daher wohl wenig überraschend, und erscheint zugleich unter deutlich verschärften Vorzeichen gesellschaftlicher Praxis – nämlich in Ansehung der sich bereits entfaltenden Klimakrise und ihrer – wie es nahezu inflationär geworden heißt – transformativen Bewältigung.

Mit dem Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse greifen wir auf die Tradition der Kritischen Theorie zurück, die damit entgegen einer „Biologisierung des Sozialen“ (Widersprüche, Heft 71/1999) oder einer „Naturalisierung der Gesellschaft“ (Widersprüche, Heft 105/2007) die gesellschaftliche Ausgestaltung und Regulierung der Beziehungen der Menschen zu ihrer äußeren wie auch ihrer jeweils inneren Natur in den Blick nimmt. Diese werden vor dem Hintergrund der „Eigenständigkeit von Natur und [der] Grenzen gesellschaftlicher Naturbeherrschung“ (Brand/Wissen 2011: 16) fokussiert, wie Brand und Wissen es im Rückgriff auf Adornos Begriff des Nicht-Identischen formuliert haben. Über den Anschluss an das von Brand und Wissen (2017) im Fortgang entwickelte Konzept der „imperialen Lebensweise“ (siehe Brand et al. in diesem Band) adressiert das Heft dabei insbesondere die Hervorbringung, Reproduktion und Stabilisierung kapitalistisch-gesellschaftlicher Naturverhältnisse durch alltägliche Arbeits- und Lebensweisen. Das Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse nimmt im Zusammenhang mit dem Konzept der imperialen Lebensweise also die Art und Weise in den Blick, wie Menschen entlang kapitalistischer Arbeits- und Lebensweisen ihre äußere Natur (Tiere, Pflanzen, Gebirge und Gewässer sowie die Ökosysteme, die sie bilden) erfahren, was sie sie angeht, wozu sie sie brauchen und wie sie ihr gegenüber agieren und mit ihr umgehen (können). Diese so hervorgebrachte Praxis gegenüber der äußeren Natur umfasst dabei auch Vorstellungen und Praktiken zur Verfügbarkeit menschlicher Körper, ihrer Klassifizierungen und Deutungen sowie die daraus resultierenden Vorstellungen und Praktiken, was Menschen einander angehen und wie sie miteinander umgehen – wodurch sie ihre gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse gegenüber ihrer äußeren Natur auf sich selbst und ihre innere Natur, übertragen und reproduzieren.

Die Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse erinnert also nicht nur daran, ökologische Eingebundenheiten des (nicht nur) menschlichen und gesellschaftlichen Lebens analysieren zu müssen, sondern auch gegen das Vergessen verteidigen zu müssen. Mit ihr ist auch die Aufforderung verbunden, gesellschaftliche Naturverhältnisse emanzipatorisch um- bzw. von Grund auf neuzugestalten. Wir möchten mit dem Heft daher nicht nur eine analytische Bestandsaufnahme der vorfindlichen gesellschaftlichen Naturverhältnisse und ihrer Herrschaftsförmigkeit vornehmen, sondern vor dem Hintergrund ihrer Krisenhaftigkeit auch die Frage nach möglichen Ansatzpunkten für eine solche emanzipatorische Neugestaltung von Naturverhältnissen stellen. Dafür rücken wir die aktuellen gesellschaftlichen Konflikte um die Transformation gesellschaftlicher Naturverhältnisse in den Blick. Innerhalb dieser Konflikte ist u.E. der Begriff der Nachhaltigkeit in seiner vorherrschenden Verwendung – etwa im Rahmen des Nationalen BNE-Aktionsplans des BMBF – nicht unproblematisch. Denn dieser läuft immer wieder Gefahr, lediglich das individuelle Verhalten und den individuellen Konsum zu fokussieren und damit individuelle Verantwortungszuschreibungen vorzunehmen, die nicht selten zu Stigmatisierung und Ausgrenzung derjenigen führen, die sich einen nachhaltigen Konsum nicht leisten können (Neckel 2018: 71). Entsprechend kann es Sozialer Arbeit weder darum gehen, ihre Adressat:innen in einem individualistischen Zugriff zu mehr Nachhaltigkeit anzuhalten, noch darum, die ökologische Krise angesichts anderer Lebenskrisen für sie als ‚nicht von Belang‘ (Köbberling/Thaa in diesem Heft) beiseitezuschieben.

Eine solche Dethematisierung ist dabei sogar einigermaßen erstaunlich, müsste es Sozialer Arbeit doch gerade darum gehen, die Belange ihrer Adressat:innen sichtbar zu machen und in die Konflikte um gesellschaftliche Transformationsprozesse einzubringen. Denn sie haben nicht nur mit den Auswirkungen der Klimakrise und den Verschlechterungen der Umweltbedingungen direkt zu kämpfen, sondern auch mit den gesellschaftlichen Transformationsanforderungen, mit ‚Transformationskosten‘ sowie mit marktwirtschaftlichen Regulierungen und individualisierenden, teils stigmatisierenden Nachhaltigkeitsadressierungen. Darüber hinaus muss sich Soziale Arbeit selbst der Frage stellen, welche Rolle ihr in den gesellschaftlichen Transformationskonflikten zukommt. Inwiefern sind ihre wohlfahrtsstaatlichen Grundlagen Bestandteil der Externalisierungsgesellschaft (Lessenich 2020)? An welchen Lebensweisen richtet sie ihre Interventionen in einer Zeit aus, in der fossilistische Arbeits- und Lebensweisen in die Krise geraten sind? Derzeit gibt es einige Versuche, die Bedeutung der ökologischen Krise für die Soziale Arbeit herauszuarbeiten (Böhnisch 2020; Stamm 2021; Schmidt 2021; Pfaff, Lutz/Schramkowski 2022; Liedholz/Verch 2023; DGSA 2023; 2025), wobei nicht selten ein „fehlende[r] gesellschaftstheoretische[r] Tiefgang“ (Schmidt 2023: 262) zu konstatieren ist. Das geplante Heft ist daher als Beitrag zu verstehen, stärker gesellschaftstheoretische Perspektiven auf die Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse und ihre transformative Überwindung in die Diskussionen um Soziale Arbeit einzubringen und in diesem Sinne die Analyse der sozialen Dimension der ökologischen Krise weiterzuentwickeln.

 

Zu den Beiträgen im Einzelnen

Der erste Beitrag des Heftes von Ulrich Brand, Dorothea Schoppek und Ariane Brenssell untersucht die mit neuer Vehemenz erfolgende Verteidigung der imperialen Lebensweise und der ihr zugrundeliegenden nicht-nachhaltigen gesellschaftlichen Naturverhältnisse. In dieser Situation scheint auch die Klimagerechtigkeitsbewegung, die sich für eine sozial-ökologische Transformation dieser Verhältnisse einsetzt, in die Krise geraten zu sein. Der Beitrag verfolgt die Fragestellung, mit welchen Widersprüchen die Bewegung in ihrem politischen Handeln konfrontiert ist und wie ihre Akteur:innen damit umgehen. Dabei identifizieren die Autor:innen eine Abwendung von appellativen Strategien und eine Auffächerung von Orientierungen und Handlungsformen als präfigurative Praxen, Organisation von Gegenmacht und gegen-hegemonialen Strategien, und fragen nach dem Bündnispotenzial zwischen Klimagerechtigkeitsbewegung und einer ökologisch orientierten Sozialen Arbeit.

Marie Frühauf und Marcel Schmidt untersuchen die Verschränkung von Geschlechter- und Naturverhältnissen auf der Ebene des Alltags der Subjekte und fragen danach, inwiefern aktuelle Care-Debatten Analysepotenzial für die Diskussion um gesellschaftliche Naturverhältnisse enthalten. Ausgehend vom Konzept der imperialen Lebensweise zeigen sie, wie ‚imperiale Männlichkeit‘ auf dem bürgerlichen Ideal des autonomen, sorglosen Subjekts beruht und damit vielfältige Abhängigkeiten von anderen Menschen und natürlichen Lebensbedingungen ausblendet. Care-Arbeit, soziale Reproduktion und ökologische Belastungsgrenzen werden so systematisch externalisiert und abgewertet. Der Text diskutiert Anschlussstellen zwischen caretheoretischen Ansätzen und dem Konzept der imperialen Lebensweise, warnt aber vor einer Verengung auf individuelle Verhaltensänderungen. Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus die Aufgabe, Sorge, Verletzlichkeit und ökologische Abhängigkeiten als gesellschaftliche Strukturfragen sichtbar zu machen.

Der Beitrag von Gesa Köbberling und Helene Thaa stellt die Frage nach der Rolle der sozial-ökologischen Transformation im Berufsalltag von Sozialarbeiter:innen und nach ihren Handlungsmöglichkeiten in diesem Feld. Ausgehend von einem konfliktanalytischen Verständnis der Sozialen Arbeit beschreiben sie die Energiewende als gesellschaftlichen Konflikt, in dem das Soziale immer wieder gegen das Ökologische ausgespielt wird. Erste Ergebnisse ihrer Interviewforschung zeigen, dass der Klimawandel und seine Folgen und Eindämmung in der Sozialen Arbeit weitgehend dethematisiert werden und die Befragten wenig Handlungsräume jenseits von individualisierten Ansätzen zum Klimaschutz sehen. Dagegen will dieser Beitrag Handlungsräume im Quartier und in der Interessensvertretung der Adressat:innen der Sozialen Arbeit hervorheben.

Martin Kriemann untersucht, wie Jugendliche den regionalen Strukturwandel im Kontext des Kohleausstiegs erleben und welche Orientierungen sie im Spannungsfeld von Klimadiskurs, sozialräumlichen Bedingungen und eigener Lebenspraxis entwickeln. Auf Grundlage von Gruppendiskussionen mit Jugendlichen im südlichen Sachsen-Anhalt werden aus einer praxeologischen Perspektive drei sinngenetische Modi jugendlicher Wandelerfahrung rekonstruiert: ein pragmatisch-adaptiver, ein reflexiv-emotionaler und ein wissensorientiert-vermittelnder Umgang mit gesellschaftlichem Wandel. Die Ergebnisse zeigen eine Diskrepanz zwischen normativen Transformationsansprüchen und den sozialräumlichen Bedingungen, unter denen Jugendliche Wandel in ihren Lebenswelten bearbeiten. Der Beitrag plädiert dafür, jugendliche Erfahrungen stärker als eigenständige Deutungs- und Handlungsperspektiven in die Gestaltung eines sozial gerechten Strukturwandels einzubeziehen.

Nora Räthzel und Ana Maria Gonzáles Ramos gehen dem Umstand nach, dass sich gewerkschaftliche sozialökologische Politik vornehmlich auf die Frage der Arbeitsplätze konzentriert: wie können möglichst viele erhalten werden, wie können Arbeitende bei der Suche nach anderer Arbeit unterstützt werden? Sie argumentieren in ihrem Beitrag, dass, so wichtig gute und sichere Arbeit auch ist, die Geschichte der Arbeiterbewegung zeige, dass es auch um die Qualität des Lebens geht. Eine sozialökologische Transformation müsse zudem den gesamten Lebenszyklus von Produkten einbeziehen, von der Rohstoffextraktion bis zur Abfallwirtschaft. Dann wird deutlich, so die Autor:innen, dass die ökologische Krise sich nicht auf Emissionen reduzieren lässt, sondern alle planetaren Lebensbedingungen umfasst. Anhand ihrer Arbeit mit betrieblichen Gewerkschaftsvertreter:innen zeigen sie in dem Beitrag auf: Arbeiter:innen wollen nicht nur anders arbeiten, sondern anders leben. Ihre Alltagsutopien einer anderen Gesellschaft können Ausgangspunkt für eine umfassende, von den Arbeitenden selbst entwickelte sozialökologische Transformation sein.

In den beiden Miniaturen berichtet zunächst hamburgtrautsichwas über eine aktivistische Praxis, die versucht soziale Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit zu verbinden. Hintergrund ist erstens die Erfahrung, dass die Regierungskoalitionen keine sozialstaatlichen Maßnahmen durchsetzen, die Haushalten mit geringen Einkommen von Teuerungen der Energie- und Stromkosten oder finanzielle Folgen der ökologischen Transformation entlastet und zweitens die Erkenntnis, dass Investitionspraxis und Lebensstil reicher Haushalte die ökologische Katastrophe befeuern.

Und in der den thematischen Teil des Heftes abschließenden Miniatur formuliert Florin Kerle Überlegungen zu Wasser als zentralen Bezugspunkt für die Soziale Arbeit im Kontext sozial-ökologischer Krisen. Anhand von Einblicken aus einem Lehrforschungsprojekt zu Wasserungleichheiten in Wiesbaden und hydrofeministischen Perspektiven skizziert Kerle empirische und theoretische Anknüpfungspunkte einer zukünftig noch zu entwickelnden Hydro-social work. In diesem Zusammenhang betont Kerle, dass neben Zugängen zur Materialität und Relationalität von Wasser und Nachhaltigkeit, insbesondere die kapitalistische Organisation von Naturverhältnissen zu kritisieren ist.

Im Forum reaktivieren Nina Jann und Andreas Gut Karam Khellas marxistisch fundiertes Konzept der „Sozialarbeit von unten" als kritischen Rahmen für die Analyse gegenwärtiger stationärer Kinder- und Jugendhilfe. Sie zeigen, dass Partizipation trotz rechtlicher Verankerung durch strukturelle Machtasymmetrien faktisch entleert bleibt und stationäre Unterbringung Bildungsungleichheit durch institutionelle Praktiken aktiv reproduziert. Khellas Forderung nach kollektiver Bewusstseinsbildung und Selbstermächtigung gewinnt damit als Gegenentwurf zu einer weiterhin anpassungsorientierten Praxis neue Aktualität.

Im zweiten Beitrag des Forums analysieren Nikolaus Meyer und Elke Alsago vergleichend zwei im Frühjahr 2026 erschienene Schlüsseldokumente – das SWK-Gutachten zur datengestützten Bildungssteuerung und den Referentenentwurf zur Kinder- und Jugendhilfestrukturreform – und legen eine feldübergreifende Konvergenz ihrer Steuerungsrationalitäten frei. Beide Dokumente bearbeiten soziale Krisen nicht primär durch den Ausbau personeller und institutioneller Ressourcen, sondern durch Diagnostik, Verfahrensverdichtung, standardisierte Planung und Wirkungskontrolle. Die Autor:innen zeigen, dass diese Reformlogik professionelles Handeln schleichend reorganisiert, indem relationale und situative Dimensionen gegenüber dokumentations- und planungsförmigen Anforderungen nachrangig werden.

Thematisch zum Schwerpunkt des Heftes passend, würdigt Jörg Reitzigs Rezension Julia Lingenfelders Dissertation „Politische Bildung und sozial-ökologische Transformation. Impulse aus Bildungspraxen der Klimagerechtigkeitsbewegung“ als Pionierarbeit, die transformative politische Bildung theoretisch fundiert und empirisch an den Selbstbildungspraxen der Klimagerechtigkeitsbewegung untersucht. 

 

Literatur

Borrmann, Stefan/van Rießen, Anne/Steckelberg, Claudia (Hrsg.) 2025: Soziale Arbeit als Akteurin im Kontext gesellschaftlicher Transformation. Leverkusen

Brand, Ulrich/Görg, Christoph 2022: Gesellschaftliche Naturverhältnisse. In: Gottschlich, Daniela/Hackfort, Sarah/Schmitt, Tobias/von Winterfeld, Uta (Hg.): Handbuch Politische Ökologie. Theorien, Konflikte, Begriffe, Methoden. Bielefeld: 37–50.

Brand, Ulrich/Wissen, Markus 2011: Die Regulation der ökologischen Krise. In: ÖZS - Österreichische Zeitschrift für Soziologie 36, Heft 2/2011_ 12–34

Böhnisch, Lothar 2020: Sozialpädagogik der Nachhaltigkeit: Eine Einführung. Weinheim

DGSA – Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit, Fachgruppe Klimagerechtigkeit und sozialökologische Transformation in der Sozialen Arbeit 2023: Positionspapier „Die Bedeutung ökologischer Gerechtigkeit für die Menschenrechtsprofession Soziale Arbeit. Impulse für eine Erweiterung ihrer Ethik“. Verfasst von Kristina Kieslinger, Andrea Schmelz, Barbara Schramkowski, Ingo Stamm, Lisa Dörfler, Gregor Husi, Dieter Kulke, Ronald Lutz und Johannes Verch. Online unter: [https://www.dgsa.de/fileadmin/Dokumente/Fachgruppen/Sozial-oekologische_...

Heinrich Böll Stiftung/Heinrich-Böll-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.) 2012: Braune Ökologen. Hintergründe und Strukturen am Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung. Online unter: [http://www.boell.de/sites/default/files/Braune-Oekologen.pdf] Letzter Zugriff: 28.07.2020

Latour, Bruno 2018: Das terrestrische Manifest. Berlin

Lessenich, Stephan 2020: Neben uns die Sintflut: die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. München

Liedholz, Yannick/Verch, Johannes (Hrsg.) 2023: Nachhaltigkeit und Soziale Arbeit: Grundlagen, Bildungsverständnisse, Praxisfelder. Opladen/Berlin/Toronto

Neckel, Sighard 2018: Ökologische Distinktion. Soziale Grenzziehung im Zeichen von Nachhaltigkeit. In: Neckel, S./Besedovsky, N./Boddenberg, M./Hasenfratz, M./Pritz, S. M./Wiegand, T. (Hrsg.): Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms. Bielefeld: 59–76

Pfaff, Tino/Schramkowski, Barbara/Lutz, Ronald (Hrsg.) 2022: Klimakrise, sozialökologischer Kollaps und Klimagerechtigkeit. Spannungsfelder für die Soziale Arbeit. Weinheim

Schmidt, Marcel 2021: Eine theoretische Orientierung für die Soziale Arbeit in Zeiten des Klimawandels: Von der ökosozialen zur sozial-ökologischen Transformation. Opladen/Berlin/Toronto

Schmidt, Marcel 2023: Nachhaltigkeit und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit. In: Sozial Extra 47 (5): 259-263

Stamm, Ingo 2021: Ökologisch-kritische Soziale Arbeit: Geschichte, aktuelle Positionen und Handlungsfelder. Opladen/Berlin/Toronto

 

Die Redaktion

(vertreten durch Marie Frühauf und Marcel Schmidt)